Novosibirsk bis Kosch-Agatsch, RU
Die Ersatzpneus im Kreuz, die Wimpern am Anschlag der Sonnenbrille- so fahre ich die knapp 1000km an die Grenze Russlands zur Mongolei.
Reisebericht vom 27.7.08 bis 31.7.08
Jazz - Ich sitze gerade im Innenhof einer Fahrerunterkunft auf 1800muem, knapp 80km vor der Grenze zur Mongolei. Da nur noch das Zimmer der ohne Tuer zu haben war, und wir dieses ablehnten, raeumte die Verwaltungsfamilie kurzerhand ihr Wohnhaus und wir zogen fuer eine Nacht ein. Es besteht aus einem Zimmer mit Gasherd, Holzofen, Tisch, 2 Betten, 1 Teppich und TV. Wasser gibts im Bau nebenan, Plumpsklo in der Ecke des Innenhofes- that's it. Im Hof sind gerade 6 Frauen damit beschaeftigt, eine Riesendecke fuer eine Jurte zu filzen. Sie knien auf einem Teppich am Boden und rollen die auf einer Schilfmatte aufgerollte Schafswolle mit den Unterarmen und somit mit dem ganzen Koerpergewicht hin und her, seit ewiger Zeit. Koerperliche Hoechstleistung bei 26 Grad, Sonne und staubigem Wind. Doch die Frauen (keine juenger als 50) schwatzen und lachen bei ihrer Arbeit.
Natur pur
Keine Frage, wir befinden uns weit weg von Industrie und Technik. Auf dieser kargen Hochebene,
gerade ueber der Baumgrenze, gesaeumt von sandig-felsigen Gipfeln in sanften rot-gruen und
grautoenen, wo alle 30 bis 50km eine Siedlung auftaucht, der Verkehr stark zurueck gin, ja hier fuehlen Phil und ich uns wohl. Die Menschen hier sind freundlich, neugierig und hilfsbereit. In den kleinen Doerfern spuehrt man deutlich, dass alle einander brauchen, weil das Ueberleben nur gemeinsam geht. In den zahlreichen sehr kleinen Tante-Emma-Laeden bekommt man in der Regel fast alles: Getreide, Brot, Dosen (Fisch, Mais, Bohnen, Erbsen), Fleisch, Wurst, Kaese, Suessigkeiten, Teigwaren, Reis, Saucen im Glas und oft auch Past-Milch. Gemuese ist selten (sowieso nur Kohl, Karotten, Tomaten und Gurken) und Obst spaehrlich (Aepfel, Orangen, Bananen und erstaunlich viele Melonen). Das Schwierigste ist es, etwas zu finden, das noch nicht abgelaufen ist...
Da wir keinen Kocher (mehr) haben, fragen wir einfach, ob wir auf dem Herd der Leute hier kochen duerfen- wir sind bis jetzt nie abgeblitzt.
Wirklich, etwa 400-500km suedlich von Novosibirsk, dort wo die Altairegion anfaengt, die Hektik, der Tourismus, das staedtische aufhoert- ab dort fuehle ich mich taeglich freier! Es ist wunderschoen, auf den noch asphaltierten super Strassen den Fluessen entlag immer kurviger in die Hoehe zu klettern. Und wir sind nach 3 Tagen Fahrt bei ueber 40 Grad froh um jeden Hoehenmeter, der hinzu kommt. Den ersten 4500er, schneebedeckt und in einem riesigen Massiv versteckt, sahen wir schon.
zahnlos aber mit Sozia auf einer 50cm3
Unterwegs trafen wir zwei deutsche Motorradreisende. Sie fuhren in Helsinki los und waren an
ihrem 10.(!) Reisetag bereits 6'000km gefahren! Wir trafen auch eine Gruppe russischer
Toeffahrer. Mitten im Irgendwo standen sie am Strassenrand und machten Pause. Natuerlich hielten wir an und kamen in ein witziges russisch-englisch-hand-Gespraech. Wir bestaunten gegenseitig die Motorraeder und tauschten unsere Visitenkarte gegen eine Motorradclubkarte ein. Herrlich, wie diese Gruppe unterwegs war: der schwaechste Toeff hatte 50cm3, der staerkste war eine 1000ender. Und alle fuhren sie nur 70kmh, damit der Kleinste, mit Sozia und Gepaeck, mithalten konnte. Etwa 20km fuhren wir mit dieser kurligen Gruppe mit: mit dem Rocker (Lederklamotten, Dolch im Guertel, Kopftuch, Totenkopf T-Shirt), dem Sunnyboy (Protektorennetzgewand und Spiegelsonnenbrille), dem Naturburschen (kannte Namen der Berge, gekleidet wie Biolehrer), dem Soft-Rocker (klein, fein, zahnlos aber ellenlange Haare und Freundin; auf der 50cm3) und der rothaarigen Zora, die etwas englisch konnte. Nach den 20km hielten sie an und meinten, sie muessen jetzt umkehren, da sie in zwei Tagen die 800km nach Novosibirsk schaffen muessen!
Drei Wochen Russland
Russland hat wohl viele Gesichter- und einige davon durfte ich auf meiner Reise durch dieses
grosse Land kennen lernen. Landschaftlich und auch menschlich gefaellt es mir hier im gebirgigen Grenzgebiet eindeutig am besten. Fuer mich als Reisende ist es hier viel einfacher, mich zurecht zu finden. Es ist alles uebersichtlicher, zweckgebundener und praktischer angeordnet. Im Dorf erkenne ich sofort die Hauptstrasse, den Dorfkern, den Tante-Emma-Laden, die Verwaltungsgebaeude und hier sind sie eingerichtet fuer Fernfahrer: es gibt Motels und diese sind, logisch, gleich eingangs Dorf nach der Tankstelle.
Porentief rein
Wir lagen schon fast in unseren Betten im Haus der Verwaltungsfamilie, als die Hausmutter uns
fragte, ob wir uns den gar nicht waschen wollen? Klar wollen wir das, aber wo? Unsicher folgten wir ihr zur kleinsten Huette auf ihrem Privatgelaede. Ein unscheinbarer Holzschopf, die Fugen mit getrocknetem Mist gestopft. Sie oeffnete die Holztuer und entgegen stroehmte uns feuchte, heisse Luft! Im Innern befand sich ein riesiger Holzofen, heftig eingefeuert, mit Steinen, die die Waerme speichern und angeschlossen ein Wasserbaeuler mit Wasserhahn. Daneben Holzbaenke, diverse Schuesseln und eine Wanne mit ganz kaltem Wasser und ein Fass mit mit lauwarmem Wasser. Alles was es braucht fuer einen tip-toppen Saunabesuch! Wir schnell zurueck ins Haus, ausziehen und im dunkeln tifig ab in die Sauna. Porentief rein gewaschen schlief ich meine letzte Nacht in Russland.
28.07.2008 Russisches Kriegsdenkmal |
29.07.2008 Berge, wir kommen! |
29.07.2008 Dorfidylle Altayregion |
29.07.2008 Alles klar? |
30.07.2008 92er, immerhin! |
30.07.2008 Zwischen Bergen und Taelern |
30.07.2008 Russische Toeffgruppe |
30.07.2008 Freiheit |
30.07.2008 Leute: wir sind Bergler |
30.07.2008 Unser Haus fuer 1 Nacht |
30.07.2008 Plumpsklo |
30.07.2008 Sprintet nicht schneller als 20! |
| Reise in Buchform: | Verlag Kastanienhof: |
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