Seit es mich gibt
Seit es mich gibt, gibt es mich mit kurzen Beinen. Unerreichbar waren meistens Sachen in der Höhe, bis der Tag kam, an dem alles anders wurde...
Jazz - Seit es mich gibt, gibt es mich mit kurzen Beinen. Meine ersten 28 Lebensjahre verbrachte ich mit Aneignen von Verhaltenstechniken, wie ich trotz und nicht zuletzt mit meinen 1.53m Gesamtlänge an mein Ziel komme. Bis zur Pubertät ging es vor allem darum, zum Beispiel in Fachgeschäften wie Bäckereinen überhaupt wahrgenommen zu werden, wenn nur meine stets mit Gel aufstellten Haare über den Thekenrand ragten. Da war dann vor allem mein Stimmorgan gefragt und die Sprungmuskulatur rund um meine Beingelenke. Nach ein bisschen Üben klappte das ganz gut. Später dann der Stress im Turnunterricht mit all den Leichtathletikdisziplinen wie Weitsprung und Hochsprung. Unweigerlich erfand ich neue Sprungtechniken und schulte mich so in Alltagskreativität. Oder, um noch etwas beim Schulsport zu bleiben, all die tollen Mannschaftssportarten wie Basketball und Volleyball. Wenn du es nicht in der Länge hast, dann musst du eben flink und schnell sein; jedenfalls im Basketball. Im Volleyball half dann wieder mehr mein mittlerweile gewaltig trainiertes Stimmorgan um den Gegner am Netz am Boden zu halten.
Nach der Pubertät dann das ewige Zucken des Ausweises an den Eingängen zum Nachtleben. Und wenn ich den Ausweis nicht dabei hatte, dann war das jedes Mal ein Übungsfeld für Überzeugungstechniken.
Die Jahre verstreichen, Ausweise und Erfahrungen sammeln sich an, beides meistens ohne dass man danach fragt. Doch auch wenn ich mich auf all die Plastikkarten stelle, es hilft nicht wirklich, die Körperlänge bleibt. Und doch wurde ich irgendwie grösser und sichtbar älter und irgendwann gibt’s auch die Badi- Saisonkarte nicht mehr zum Kindertarif.
Fehlt es „une“ oder „obe“?
Doch was sich seit ich stehen kann gleich blieb, ist die Tatsache, dass etwas in der Höhe unerreichbar für mich ist. Zum Glück habe ich eine durchtrainierte Sprungmuskulatur, oder gegebenenfalls ein spritziges Mundwerk mit starkem Stimmorgan oder aber viel Alltagskreativität und Überzeugungstechniken. „Nöd ufe möge“ gibt es für mich also eigentlich gar nicht mehr. Aber dann, mit 28 Jahren, kam etwas nie Gehabtes auf meine Zentimeter zu: „Nöd abe möge!“. Da hüpfte ich an der 2Radmesse in Zürich von einem Töff auf den nächsten- nichts zu machen, die Beine sind einfach zu kurz. Ausser in der Chopper Abteilung wurde ich fündig. Mein erstes Motorrad, eine Kawasaki Eliminator 125. Vorübergehend war mein „nöd abe möge“ Problem also gelöst. Aber wie das immer so ein wenig ist bei mir- wenn schon Motorrad fahren, dann warum nicht um die ganze Welt? Mit einer Chopper? Fahren konnte ich ja jetzt ein bisschen, also wagte ich mich auf eine Yami DT 125 mit bearbeitetem Sattel. Randsteine, Treppen, Masten, alles half mir an Kreuzungen zum Halten…. Mit der Zeit lernte ich richtig gut Vorausschauend zu fahren und auch im Spurgässlen bin ich richtig gut. Kurz, es gab immer weniger Situationen, wo wirklich der Fuss auf den Boden musste. Und wenn doch, dann hiess es einfach das Motorrad auf eine Seite in die Kniekehle rutschen lassen und abspringen. Losfahren ging genau umgekehrt. Aber eben, um die Welt mit einer 125er mit einer Reichweite von 140 Km? Eher nicht. Die Lösung kam mit der f650gs von BMW. Der tiefe Sattel ermöglichte mir trotz Tankvergrösserung mit den Zehenspitzen auf beiden Seiten den Boden zu erreichen. Mit voll bepacktem Töff brachte ich sogar die ganzen Zehen auf den Boden.
Auf unserer ersten Motorradweltreise (www.mind-fuel.com) bewährten sich die Motorräder (Phil fuhr eine Dakar) auf der ganzen Linie. Fast auf der ganzen Linie- denn bei meiner GS, welche im Unterschied zur Dakar ein kleineres Vorderrad hatte, blieb nur noch minime Bodenfreiheit. So bockte ich im groben Gelände oft auf, verkanteten sich die Aluboxen in schmalen doch tiefen Spurrinnen in die Seitenwälle...
Mit Schmackes
Nach 55’000km fühlte ich mich aber sehr sicher auf dem Motorrad, auch das Aufbocken machte mich nicht mehr nervös, doch Phils Tipp „einfach mit Schmackes“ wollte ich bei der nächsten Reise nicht mehr als die einzige Lösung haben. Also, gleich aufs hohe Ross, eine KTM 625sxc. Unser Sattler Rene, unser Mech Patrick und mein Schuhmacher zauberten so lange an Motorrad und Ausrüstung herum, bis ich mit Po-elegant-verschieben auf einer Seite ganz gut Boden unter den Füssen bekomme.
Geträumt habe ich immer vom Reisen mit dem Motorrad, dass ich es wirklich machen kann mit meiner Körperlänge, habe ich selbst lange nicht geglaubt. Phil und meine Lebenserfahrung haben mich ermutigt, den Schritt zu wagen, mich nicht einschränken zu lassen nur wegen kurzer Beine! Danke Phil. Ist es nicht so, dass gerade folgende Tatsache dass Motorradfahren so intensiv macht: Wo auch immer du auf dieser Welt mit dem Motorrad hinfährst und anhältst, dort hast du immer einen Fuss am Boden.
Und was machen Sie nicht, obwohl Sie es schon lange tun wollten? Worauf warten Sie noch?
09.06.2008 zuerst nöd ufe |
09.06.2008 dann nöd abe |
09.06.2008 never give up! |
09.06.2008 geht doch! |
09.06.2008 who dares wins! |
09.06.2008 es fehlt unten, nicht oben |
| Reise in Buchform: | Verlag Kastanienhof: |
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