Spuren des Glücks
Es war nicht das Ziel, Glück zu finden. Doch trifft man es an, so sollte man es freundlich empfangen. Egal, ob mit oder ohne Schokolade.
Phil - Wir wollen uns Zeit nehmen. In Douz, dem kleinen Ort am Rande der Sahara, dem "Tor zur Wüste", schlagen wir unser Zelt auf. Am nächsten Tag brechen wir auf, um die nördlich gelegenen Salzseen zu umfahren. Der eine ist aber so gross, dass wir diesen auf einer Asphaltstrasse queren. Selbst das dauert eine Stunde. Zuvor aber beinahe 100 Kilometer Schotterpisten, die sich zwischen Chott, so werden die Salzseen genannt, und Gebirge in unzähligen Kurven ihren Weg durch die Landschaft schlängeln. Für mich ein idealer Einstieg. Nachdem ich über ein Jahr lang nicht mehr Motorrad gefahren bin, ist der stellenweise leicht steinige, mal leicht sandige Weg die perfekte Lernstrecke. An einer Stelle sind wir ganz nahe an einen Chott. Der ist Topfeben und die Farbe ist an dieser Stelle sehr hellbraun. Also nicht dunkelbraun, was bedeuten würde, dass es sehr feucht ist. Man könnte einsinken wie in einem Moor. Schafft man es aus der Masse aus Erde, Staub, Stein und Salz wieder heraus, so wird sie hart wie Beton, was das reinigen nicht gerade einfach macht. Aber da wo wir stehen, hellbraun. Also los! Spielen! Wie ein riesiger Sandkasten mit platt gewalzter Oberfläche, ganz für einen alleine. Gas geben, Kürvchen und dann Kurven, erste Slides. Du kannst dir vorstellen, durchtrainiert wie wir angetreten sind stehen wir einige Minuten später aufgekrazt und fröhlich beieinander und machen erst mal Pause, trinken Wasser, knabbern Erdnüsse. Am Horizont bemerken wir Bewegungen. Kurze Zeit später erkennen wir zwei Dromedare (ein Höcker) und ein Mann in blauer Beduinenkleidung.
Die Leute sind sehr freundlich in Tunesien. Auffallend freundlich, je südlicher man vordringt. Vielleicht ist es diese Freundlichkeit, vielleicht ist es eine jahrhundert alte Regel der Nomaden, dass wer sich in so karstigem Gebiet begegnet, auch miteinander spricht. Es kommt mir in den Sinn, dass auch wir in der Schweiz uns verlässlich grüssen, wenn wir uns in den Bergen begegnen. Nur, die Wege sind da so schmal, ausweichen ginge überhaupt nicht. Somit bin ich nicht völlig überrascht, dass es dem Mann auf seinem klapprigen Mofa geschickt gelingt, die Kamele in unsere Richtung zu lenken. Wir unterhalten uns in französisch. Seines genauso gut wie meines. Natürlich die Frage wohin, woher. Ich antworte "Aus der Schweiz". Worauf er entgegnet "Schokolade". Kurze Zeit muss ich überlegen. Es hilft nicht, denn ich antworte entgegen Reiseregel Nummer 2 mit "Nein". Selbstverständlich ist das ein Fehler, es hat mich einfach auch irritiert, auf einem Salzsee in der Wüste auf Schokolade angesprochen zu werden. Obwohl mir das Thema natürlich von Jazz her nicht ganz unbekannt ist. In diesem Moment habe ich mir einfach überlegt, wir haben keine Schokolade, also nein, wir können dir keine geben. Und auch nein, ich möchte auch keine, falls er welche hat. Ich habe ja nur Schokolade verstanden, den Rest nicht. Und Schokolade hier und jetzt, auf jeden Fall: nein. Ob wir denn wenigstens eine Karte dabei haben, wollte er wissen, was ich natürlich bestätigte und sie ihm zugleich zeigte. Engagiert lehnt er sich über sie, dreht sie in alle Richtungen und zeigt gleichzeitig mit beiden Händen in unterschiedliche Richtungen. Zwischendurch immer wieder Schokolade, Schokolade. Ob wir einen Zettel haben. Jazz reicht ihm einen Papierschnipsel, zusammen mit einem Stift. "Souk elahad" notiert er. Ein Dorf bei dem Hügel am Horizont, in diese Richtung müssten wir etwa fahren. Wir lachen alle laut und Reieseregel Nummer 2 hat sich wieder einmal bestätigt: Wenn du nichts verstehst kannst du fünf mal ja sagen, bevor du zu nein wechselst. Das funktioniert eigentlich immer. Aufmerksam zuhören, lächeln, nicken, ja sagen und erst bei der Joker Frage "Verstehst du?" oder "Das kostet 50" oder "Also kommst du mit?", einfach weiter lächeln und: nein.
Aber was ist denn Reiseregel Nummer 1, wenn ich als erstes Nummer 2 erwähne? Es wird angedeutet, es ist dieses lächeln. Eine freundliche Begrüssung in Landessprache. Aufmerksamkeit und Anteilnahme, welche dem Gegenüber das Gefühl geben, respektiert zu werden (ob es nun so ist oder nicht). Ich möchte mich nicht besser darstellen als ich bin. Es gelingt mir bei weitem nicht immer. Manchmal bin ich einfach zu müde vom langen Tag. Und es geht auch ganz ohne Reiseregel Nummer 1. Auf Reisen erlebt jeder Geschichten. Das ist wie Wetter. Wetter ist immer. Ohne Reiseregel Nummer 1 sind es einfach ganz andere Geschichten. Mehr so bewölkt und so.
In den von Mofas wimmelnden Strassen in Douz sprechen wir mit einem älteren Tunesier. Er macht den Anschein eines Handelsreisenden. Er erzählt uns, welche Städte der Schweiz er alle kennt. Er macht einen schlauen Eindruck und so frage ich ihn, was denn das Geheimnis sei, weshalb hier die Leute so freundlich seien. Obwohl, viele Leute die hier wohnen haben nicht viel zum leben. Trotzdem sehen sie nicht betrübt aus. Der Mann überlegt kurz und antwortet: "Die Sonne. Die Leute hier im Süden haben viel mehr Sonne, es ist wärmer und die Leute haben mehr Zeit". Im Moment, es ist ja auch Winter hier, sind die Temperaturen am Tag so zwischen 20 und 25 Grad. Während wir schwitzend im T-shirt herum laufen, sind die Einheimischen in dicke Mäntel gehüllt und tragen Wollmützen. Also das mit der Sonne und der Wärme kommt sicher hin. Und das mit der Zeit kann ich auch nachfühlen. In der Wüste wird die Zeit nach anderen Massstäben gemessen. Wir orientieren uns an Sonnenauf- und -untergang sowie an Wasservorrat. Wie lange man für eine gewisse Strecke benötigt, ist im vornherein nicht restlos absehbar. Die Dünen sind mächtig wie die Wellen der Meere. Gegen ihre Kraft ist man im Zweifelsfall der Schwächere. Es geht sehr schnell. Ein Abstand von 50 Metern, gar schon 20, in einem Dünenfeld reicht und es besteht nicht der Hauch einer Chance, etwas anderes als Sand zu sehen. Als Jazz einmal in einer Senke stecken bleibt, suchen wir uns bestimmt für 10 Minuten. Trotz frischen Spuren im Sand. Trotz modernster GPS Technologie. In diesem Moment, in dem man den Verlust des anderen erkennt, wird es blitzartig still. Die Wüste wird übermächtig, nur noch Sand und Wind. Sehr bald ein Hauch von Panik in der eigenen Ohnmacht.
Die Ferien haben mir sehr gut getan. Jeden Tag, mit jedem Kilometer, mit jeder Begegnung ist mein Selbstvertrauen gewachsen. Nach der gesundheitlich schwierigen Reise in die Mongolei und dem jährigen Unterbruch konnte ich in Tunesien viel Kraft auf- und mitnehmen. Die netten Leute, Einheimische wie auch Bekanntschaften mit anderen Reisenden, haben es einem leicht gemacht. Die schrittweise Steigerung der fahrtechnischen Anforderungen gaben mir Sicherheit auf dem Motorrad zurück. So kann es zurück in der Schweiz so kalt sein wie es will: ich brenne auf die Reise im Juli und kann es kaum abwarten los zu legen!
Vermutlich besorgt über unser Unwissen betreffend der örtlichen Dörfer, aber vielleicht auch deshalb, weil wir Reiseregel Nummer 1 befolgten, schenkte uns der Beduine auf dem Salzsee einen Sack voll Datteln und bot uns von seinem Wasser an, bevor er sein Gefährt rennend anschiebt und mit dem plärrenden Klang des Mofas seinen Tieren nacheilt. Für mich ist das Glück.
23.12.2009 Phil gab Gas |
23.12.2009 Salzseefahren! Chott El Fejaj |
23.12.2009 Viel Platz, ganz für sich alleine |
23.12.2009 Jazz gibt Gas |
23.12.2009 Erklärt uns den Weg. Oder einen Weg, oder so. |
23.12.2009 Jazz glücklich |
23.12.2009 Abendlicht am Salzsee El Jerid |
23.12.2009 Abendlicht am Chott El Jerid |
24.12.2009 Nomadenleben |
24.12.2009 Gebrannte Erdnüsse a la Tunisie |
24.12.2009 Piste zum Cafe Porte de la Desert |
24.12.2009 Phil macht erste Sanderfahrung |
| Reise in Buchform: | Verlag Kastanienhof: |
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