Wegen der nahen Zeitgrenze und weil wir uns doch schon recht im Norden befanden, began der 9.7.08 fuer uns sehr frueh: Sonnenaufgang 4:45 Uhr. Das war aber wohl nicht der einzige Grund, weshalb Phil und ich uns schon um 5 Uhr aus unseren schmalen Betten auf Raedern aus dem Schlafsack zuzwinkerten. Wenige Worte beim Fruehstueck aus unseren Alutellern (taeglich Haferflocken, Milch und Banane). Eingespielte Handgriffe beim Packen und die Handschuh-give-five-Faust vor der Abfahrt. Es war der bevorstehende Grenzuebertritt EU-Russland der mein Herz etwas schneller schlagen liess. Erinnerungen an schwierige, teure und nervenraubende Grenzuebertritte in Zentralamerika warden wach und gleich wieder bei Seite geschoben. Der LKW- Stau, nun seit Kilometern durchgehend und teilweise zweispurig am Strassenrand stehend, Gegenverkehr praktisch gleich Null und dann, 25 Autos vor uns in einer Kolonne vor der Ausreiseschranke Lettlands. Die FahrerInnen sitzen auf mitgebrachten Klappstuehlen am Strassenrand, rauchen und plaudern. Als die Ampel vorne auf Gruen springt, wir waren gerade mal 10 Minuten da, duerfen 10 Autos eine Schranke weiter. Alles klappt ruhig und geordnet. Nur- naja, Draengler gibts ja ueberall. Diesmal wars die Frau hinter uns.
Im dritten Rutsch sind wir dabei. Pass, Fahrzeugpapiere, Zollerklaerung, Stempel- das wars. Schon nach der zweiten Schranke und nur einer Stunde heist es fuer uns: Tschuess EU!
Jetzt kommt der Hammer!
So, dachte ich, so jetzt kommts anders. Jetzt kommt die Schikaniererei, das Abzocken, das Herumkomandieren (Toeff dorthin, nein, doch dahin, naeher, zurueck und doch lieber dort rueber..). Aber- nichts dergleichen. Wir fuellten je eine Zollerklaerung im Doppel aus, der Zoellner wies noch die Frau hinter uns, die jetzt vor uns stand, an, wieder hinter uns zu stehen! Noch nicht einmal die Versicherung der Motorraeder wollte er sehen, kein Geld, kein Gepaeck oeffnen, kein Umparkieren- nichts! Nach einer Stunde, als er den letzten Stempel auf eines der vielen Papiere setzte, strahlte er uns an und sagte: “Welcome to Russia!” Wir konnten es kaum glauben- wir sind drin!
Riga, St. Petersburg oder Moskau
Auf einer verlickten, breiten Strasse fuhren wir, praktisch immer durch Waelder, Richtung Moskau. Auf den ersten 500km scheint es sowieso nur drei Richtungen zu geben: Riga, St. Petersburg oder Moskau. Die erste Nacht verbringen wir in einem Motel im ersten groesseren Ort nach der Grenze. Das Motel feucht-kalt aber teuer, die Stadt umzaeumt von verfallenen Fabrikgebaeuden, rostenden Statuen und Monumenten. Die Kleintransporter zahlreich und einer aelter als der andere, die Strassen schlecht, die Tante-Emma-Laeden klein und kaum Vielfalt im Angebot. Zum Glueck koennen wir die Sprache und die Schrift etwas! Denn die Laeden sehen aus wie Baracken und ohne ihr Schild oberhalb der verlotterten Holztuer “ Produkti, Frukti, Owosche” (Lebensmittel, Fruechte, Gemuese) wuerde ich diese Gebaeude nie als Laeden erkennen, geschweige denn aufs gerate Wohl betreten.
Die zweite Nacht dann in einer Stadt, wo die Hauptstrasse und die vier bis fuenf grossen Paralell- bzw. Querstrassen asphaltiert sind. Das Hotel, ein alter Sowjetbunker, gross und hoch, dass Zimmer klein, Etagenklo, Dusche habe ich nicht gefunden. Die Verpflegungslage war hier schon einiges besser (groessere Laeden mit mehr Auswahl).
Die gute alte Lichthupe und die Polizei
Auch in Russland warnen sich die Fahrer gegenseitig mit der Lichthupe vor der Polizei. Ohne auch nur einmal von besagter angehalten zu warden, kamen wir gut vorwaerts. Die M9 fuehrt uns, an allen Doerfern und Stadten vorbei, schnurgerade auf Moskau zu.
Es sah schon seit Tagen nach Regen aus, doch nass wurden wir nie. Ausser an dem Tag, wo wir in die Aglo von Moskau fuhren: Flutregen begleitete uns, alle LKW’s und PW’s dieser Welt in die Vororte von Moskau.
Jetzt nur Phil nicht verlieren
Ehrlich, ich sah nichts mehr, nicht weiter als 5 Meter. Die Gischt, der Regen und die schwarzen Abgaswolken vermischten sich zu einem dichten Nebel. 5 Meter, also gerade ans Hinterlicht von Phil. Dieser fuhr, Stadtverkehr- sprich Staugewohnt vom taeglichen Arbeitsweg an Zuerichs Bahnhofstrasse, flink und sicher zwischen den fast stehenden Fahrzeugen hindurch. Mal links, mal rechts, schwupp, schwupp, schwupp. Und ich? Augen zu und durch, Hauptsache Phils Hinterlicht nicht verlieren! Irgendwann verliess Phil die X-spurige Autobahn und wir fuhren auf einem X-spurigen Autobahnzubringer in einen Vorort 20km von Moskau entfernt. Der Stau wurde dichter, Phil immer flinker… Nach einer gut zweistuendigen Suche bei stroemendem Regen in diesen Verkehrsverstopften Strassen, nachdem wir durch einen gut besuchten Markt irgendwie in und durch die Fussgaengerzone gerieten, nach 2h Ruecklichtverfolgung fanden wir ein Hotel. Ich war sowas von nass, ich dachte meine Kleider brauchen Wochen um wieder zu trocknen. Das Hotel aber war gut, das Quartier auch- wir blieben bis Sonntag. Wir hofften, am Sonntag weniger Verkehr zu haben.
Noch im Vorort fanden wir einen KTM-Haendler- ein grosser Zufall: Phil geland es trotz Regen, Stau und draengeln am Strassenrad unter den an sich reihenden kyrillischen Schriftbildern einen Motosalon zu erkennen mit KTM Logo und- er setzte waehrend der Fahrt einen Punkt ins GPS! So war es am Samstag eigentlich ganz einfach, diesen Ort wieder zu finden. Eigentlich? Nun ja, wenn ich hier jemanden anspreche, z.B. die junge Frau vor dem Kafe, um nach dem Weg zu fragen, dann fluechtet dieselbe vor mir ins Kafe! Was um himmelswillen habe ich da auf russisch wieder raus gelassen?
Eine Woche Moskau
Wir fuhren am Sonntag bei 30 Grad und viel Sonne aber wenig Verkehr ins Zentrum Moskaus. Der Autobahnzubringer, so konnte ich jetzt sehen, war 3 spurig, die Autobahn selbst 5 spurig. Eine Ringautobahn (ca 140km) umschliesst das Stadtzentrum. Da wir schon im Vorfeld per Internet gebucht hatten, konnten wir ziemlich zielgenau ins Zentrum duesen. Schlaengeln und Draengeln macht bei Sonnenschein ja schon fast Spass! Vorbei an 11 Reaktorkuehltuermen, dann scharf links rein. Die Nummer 7 der Strasse, die wir gut fanden, kannte niemand. Das Hotel dort schon gar nicht. Nicht aufgeben, Jasmin. Fragst halt mal ein Kind- und voila. Da standen wir vor der 7. Mitten in einem Wohnquartier mit vielen und hohen Wohnbloecken, hier wohnen bestimmt tausende von Menschen. Also, auf dem Zettel stand, bei Apart. 52 klingeln. Das taten wir. Und kurze Zeit spaeter standen wir in einer Wohnung mit 3 Zimmern, einer Kueche, Dusche, WC, Internet und Waschmaschine, 2 jungen Franzosen und zwei Englaenderinnen. Die Vermieterin haben wir bis heute nicht gesehen- egal, das kommt schon gut. Mir gefaellt es hier jedenfalls prima, Phil auch. Wir entscheiden uns, eine Woche zu bleiben. Und ich schmeiss dann schon mal den Herd an und nehme die Waschmaschine in Beschlag......
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Written on the 39th day of trip II - Austria-Russia-Mongolia
3'931 Km on the road