Langsam steigt die Zahl auf dem Display des GPS. Nicht die der Geschwindigkeitsanzeige, was moeglich waere, denn noch sind die Strassen bestens asphaltiert, sondern die Hoehenanzeige. Die Huegel erheben sich am Fusse des Altay-Gebirges auf russischer Seite langsam zu Bergen, breite, wilde Fluesse durchstroemen die Talsolen. Nicht vergleichbar mit den Alpen erklimmt man dieses Gebirge nicht auf steilen, engen Spitzkehren. Langgezogene Strassen, wenig Kurven, die Steigung ist manchmal kaum spuerbar. Nur an der Vegetation ist eine Veraenderung ablesbar.
900Km zum wohlfuehlen
Von Novosibirsk (ca. 200MueM) sind es ueber 900Km bis man auf ca. 2400MueM am Tor zur Mongolei steht. Auch ganz ohne Spitzkehren waechst bei mir die Freude. Berge, Seen, Fluesse, da fuehle ich mich wohl und sicher, diese Landschaft uebt auf mich eine Faszination aus wie keine andere. Ich gestehe oeffentlich: ich bin ein Bergler. Da ist nur noch eine Kleinigkeit. Ennet des Tores an der Grenze ist gleich der Anfang einer langen, langen Schotterpiste.
Ode an den LC4
Mit dieser Schotterpiste beginnt auch die Uebermacht unserer Motorraeder. Damit eines klargestellt ist: wir sind stolz, keinem einzigen Sponsor Honig um das Maul schmieren zu muessen. Die Reise ist zu 100% eigenfinanziert und ich darf alles und alle durch den Dreck ziehen, falls es gerechtfertigt ist. Oder auch umgekehrt. Die 625sxc ist der Offroad-Koenig aller Reisemotorraeder. Unterwegs auf Asphalt wurden wir von motorrad-gewordenen Aluboxen schon fast bemitleidet. Nun dreht sich der Wind, wenn Jazz und ich, winkend, ueber Wellblech surfend an eben diesen Ungestuemen vorbei ziehen.
Lebensversicherung
Wer sich eine solche KTM kauft, der bekommt fuer sein Geld einen Motor und Federung. Mehr hat es nicht, mehr braucht es nicht. Es ist wie balsam auf die Seele wenn wir von Kennern bestaunt und Aluboxen beneidet werden. Und dabei sind es hauptsaechlich einfach die Motorraeder, die mir schon so viele Fahrfehler verzeiht haben. (Zum Glueck sieht meine Mutter nicht, wo ich schon ueberall durchgefahren bin). Ich bin Amateur und bei meinem Fahrstil bietet das Moped so viel Reserve, dass es mich bis jetzt jedes mal gertettet hat. Auch als ich dort ohne Vorderbremse mal mit 70 Sachen auf dieses Wasserloch zu und so... Ihr muesst nicht alles wissen. Das mit der Vorderbremse war uebrigens meine Nachlaessigkeit und mit Jazz Insistierung und Patricks Trickgriff ist nun alles wieder bestens.
Sternen am Himmel
Die Mongolei ist ein Enduroparadis. Pisten, Wege, Pfade, steinig, sandig, erdig. In allerschoenster Landschaft. Einsam, stellenweise, doch immer staubig. Vermutlich aendern sich gewisse Passagen nach jedem grossen Regen. GPS Daten somit unbrauchbar bis verwirrend. Besser fahren wir, wenn wir auf unseren Instinkt und die Staubwolken anderer Fahrzeuge achten. So haben wir bis jetzt jede Stadt oder Ortschaft gefunden. Im Gegensatz zu Russland gibt es hier nicht viel von wenig, sondern wenig von noch weniger. Vitaminzufuhr kann zum Problem werden, Eier sind suendhaft teuer und Frischmilch fast unauffindbar. Leute mit Brillen gibt es eigentlich keine, vom berittenen Pferd riecht man hauptsaechlich den Reiter. Die Leute sind vermutlich nicht gesaettigt von Medialen Reizen und darum vielleicht so gwunderig. Wir Bergler und auch die Motos sind immer wieder Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Die Motorraeder werden von den zahlreichen einheimischen Motorradfahrern aufs genauste inspiziert und auch angefasst. Die russische Zurueckhaltung gilt hier nicht. Und trotzdem kann ich hier so alleine sein wie ich das in keinem anderen Land erlebt habe. Zwischendurch ist es so weitlaeufig und karg, dass man gut einmal zwei Stunden an der Hauptverbindungsstrasse zweier Kantonshauptorte sitzen kann, ohne dass ein Fahrzeug passiert. Das wird nicht mehr so sein, wenn in Zukunft mehr Handel mit mehr Produkten betrieben wird...
Und in der Nacht ist es so dunkel, dass die Sterne so zahlreich wie Nebelschwaden scheinen.
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Written on the 62nd day of trip II - Austria-Russia-Mongolia
5'694 Km on the road