Der erste Tag: Verlobung!
Es ist heiss, schwül, hat total viele Leute- wovon nur sehr wenig Europäer. Es folgen zwei Stunden Fahrt bei Dunkelheit durch das langsam erwachende Hinterland Kochis. Viele Kurven, Linksverkehr, viel Lichthupen, normales Hupen und schon ordentlich Verkehr. Keine Überlandstrecken, Dorf an Dorf.
Ankunft bei Jense, 7 Uhr, die ganze Familie ist wach und begrüsst uns. Tolles grosses Haus, mitten im Regenwald, alles Grün, Bananenpflanzen. Es gibt Kaffee und wir sehen unsere Überraschung von Jense‘s Vater John: unsere Enfields stehen im Hinterhof!!!
Wir gehen kurz in unser Hotel, machen uns frisch und kehren dann zu Jense zurück. In Jenses Haus gibt es Frühstück (warm und scharf) und alle der Bräutigamseite treffen ein (30 -40 Personen). Das erste Fotoshooting von Profis mit Scheinwerfern und allem Papipao findet noch im Haus drinnen statt. Dann Abfahrt 2h zur Kirche. Dort warten die Braut und ihre Familie und nochmals etwa 150 Gäste. Die Zeremonie ist kurz, viele Fotos, viele Menschen, Priester Kinder und Inder- sehr viele können Deutsch, leben in der Schweiz, Deutschland, Österreich oder haben mal dort gelebt. Traditionelle festliche Kleidung, Jasmin Blumen im Haar der Frauen………
Ca. 30 Minuten Fahrt zum Festplatz, wo in Etappen gegessen wird. Riesiger Saal mit Bühne. Das Brautpaar sitzt da, isst, begrüsst Unmengen von Leuten, wird mit allen Fotografiert… Alle kümmern sich total lieb um uns. Wir erhalten Besteck (Inder essen mit der Hand, rechte Hand, linke ist die schmutzige Hand), total feines Gericht auf Bananenblatt serviert. Reis mit vielen verschiedenen Köstlichkeiten und Saucen. Fleisch, Fisch, Gemüse- einfach alles. Und alles ziemlich scharf. Ausser die gelbe gekochte Joghurtsauce. Dessert: Minibananen mit Sirup zermantschen und geniessen.
Wir sprechen mit vielen Menschen, werden angeschaut, bestaunt von den indischen Kindern (welche keine Europaerfahrung haben). Gegen 15 Uhr fährt man uns zurück ins Hotel- wir sind müde, schlafen gut 3h. Ich gehe vorher auf eine kleine Einkaufstour in unserem Ort. Es gibt viele kleine Lädeli. Von Stromkabel über Alukessel bis zur Kloschüssel ist alles erhältlich. Ich kaufe Wasser, Bananenchips, Salz Biskuits und ein helles Toastbrot. Das brauchte etwas Mut, denn es hat sonst keine Europäer hier und ich hatte ja keine Ahnung, was wie viel kostet, geschweige denn wo was zu finden ist…. Doch ich bewegte mich dank Hitze, Schlafmangel und den bereits erlebten Eindrücken sowieso wie in Trance und soweit ich das noch weiss, wurde ich herzlich begrüsst an jedem der Kioske, bestaunt, und angelacht.
Zum Nachtessen werden wir erneut abgeholt und zu Jense gefahren. Extra für uns steht um halb acht ein Nachtessen auf dem Tisch. Alle anderen essen erst um 22Uhr. Wir wurden in die Technik des „mit der Hand essen“ eingeführt. Es gab Reismehl mit Kokos und dazu Minibananen und wahlweise süssen hausgemachten Sirup. Superfein! Und es klappte gut mit der Hand!
Es ist gut 36 Stunden her, seit ich am Flughafen Kloten diese Reise gestartet habe. Die Eindrücke, Gerüche, Begegnungen und Erlebnisse dieses langen Tages begleiten mich in einen tiefen Schlaf.
2. Tag: Einkaufen der Brautpaarkleidung
Wir werden um 7.45 Uhr von Roy abgeholt: heute, am Tag nach der Verlobung, ist das grosse Einkaufen angesagt. Nach dem Frühstück in Jenses Haus geht es mit dem Auto in die Hauptstadt Ernakulam. Der Strassenverkehr ist ein Kapitel für sich- aber nicht soooo schlimm, wie befürchtet. Wir haben uns schnell daran gewohnt und schlafen schon recht gut im Auto! Nach 2h Fahrt sind wir im Zentrum der Hauptstadt Keralas, und befinden uns mitten in einem grossen Einkaufszentrum nur für Kleider. Tausende Saris... In diesem Kaufhaus, wo es von Personal (Frauen und Männer) nur so wimmelt, wo alle 10 Minuten jemand mit Kaffee, Tee oder Mineral vorbei kommt, wie sie einem die Stühle nachtragen, hier in diesem Kaufhaus findet Mann/Frau alle Preisklassen, von arm bis Superreich- alle kaufen hier ein. Hier hat es Personal für alles- Kaffee, Tee, Lift, Stühle, Wegweisen, Kleider holen, bringen, tragen... Erst wird ein Sari (6m-Tuch für traditionelles Wickelkleid) für die Schwiegermutter gekauft. Der Bräutigamvater bezahlt und bedankt sich so für die Erzieharbeit der Mutter der Braut und für deren Vertrauen- denn diese gibt ihre Tochter mit der Heirat in die Familie des Bräutigams ab.
Die Brautfamilie trifft ein. Das heisst, wir sind jetzt, mit gut 30 Personen, komplett. Alle zusammen lesen nun den Hochzeitssari der Braut aus. Der Bräutigamvater bezahlt. Als erstes wir dem Personal das Budget genannt. Dann nehmen alle Platz an einem eine Art Laufsteg. Da werden nun Duzende von Saris vorgelegt. Alle müssen mit der Wahl einverstanden sein. Dieser Sari ist sehr wichtig. Daraus werden einzelne Fäden gezogen und damit die Kordel für einen wichtigen Anhänger (Kreuz in Herz mit 13 Punkten- Jesus und Apostel) gemacht, welcher bei der Hochzeit geweiht wird. Dann kommt etwa ein Duzend Saris in die engere Auswahl. Das weibliche Personal zieht die Saris an und steht in einen Halbkreis. Wieder werden einige gewählt- nur noch 2-4. Diese werden der Braut angezogen. Diese schaut nicht etwa in Spiegel um zu sehen, ob der Sari ihr steht, nein, sie schaut in die Gesichter der Mutter, des Vaters, der Cousine 2. Grades… -einfach aller Anwesenden. Sie, die Braut, entscheidet schlussendlich welcher Sari es sein wird- sie soll aber ja niemanden enttäuschen...
Dann tätigen wir weitere Einkäufe, dazwischen gibt’s ein Mittagessen in einem nahen Restaurant wo wir alle 30 Personen auf Kosten des Bräutigamtvaters schlemmen. Am Nachmittag wird nun auch der Bräutigam eingekleidet, und dann alle anderen Familienangehörigen.
Wow, das nenne ich ja mal eine richtige Shoppingtour!
3. Tag: Achtung- ich komme von Links!
Monsun. Heute ist ein regnerischer Tag. Egal- denn heute machen wir uns mit unserer Enfield bekannt. Etwas nervös bin ich ja schon- und Philipp auch. Roy und Jense, und später auch Sanish und Vater John, alle geben sie uns Tipps und erklären uns die Motorräder sowie Indiens Strassenregeln. Blinker, Abblendlicht, Bremse und am wichtigsten: die Hupe! In Indien herrscht Linksverkehr- im Prinzip jedenfalls. Der grössere ist der Stärkere und hat immer Vortritt, immer! Hupen, schauen, hupen, fahren. Lieber einmal mehr Hupen als Bremsen. Das kann ja heiter werden. Die anwesenden Männer bei Jense’s Haus staunen schon mal nicht schlecht, als ich meine silberne Royal Enfield Bullet Electra Twin Spark (im Weiteren liebevoll RE genannt) vom Hinterhof selber durch das tiefe Kies vor das Haus schiebe und dann gekonnt auf den Hauptständer hieve. Gelernt ist gelernt – und bei der RE liegt der Schwerpunkt so schön tief, die kann man auch mit wenig Kraft auf den Hauptständer wiegen- nur Körpergewicht dicht am Motorrad auf den Ständer bringen und dann schön nach hinten wiegeln- schwupp.
Ich hupe schon, bevor wir die ersten 10 Meter gefahren sind- so soll es ja richtig sein. Dann einbiegen in die Strasse, in den Verkehr, in eine grössere Strasse, in mehr Verkehr… alles geht fast ein bisschen automatisch- und sehr gut! Ich komme mit beiden Füssen an den Boden (dieses Gefühl kenne ich gar nicht mehr und manchmal erschrecke ich echt, dass der Boden schon da ist, wenn ich die Füsse rausstrecke) und so sind auch die knapp 200kg Gewicht meiner RE nicht wirklich ein Problem. Sie fährt sich träge, gemütlich, der Bremsweg ist beachtlich lange. Aber eben, man soll ja nicht Bremsen sondern Hupen. Vor jeder Kurve, jeder Brücke, vor jedem Überholen, bei jeden Fussgänger, Tier und Fahrradfahrer. Bei allen die in deine Strasse von Links einbiegen, denn die schauen nicht- wenn’s nicht hupt ist die Strasse frei. So geht das! Mir macht das Spass- und Philipp auch. Unsere Erfahrung kommt uns zugute und auch die Tatsache, dass wir Indiens Strassen im Auto als Beifahrer intensiv studieren konnten. Es dauert keine 20 km und es kommt kaum mehr vor, dass wir überholt werden. Nicht erschrecken liebe Mütter: es ist weit weniger gefährlich, sich den Regeln an zu passen als hier wie ein Schweizer angepasst fahren zu wollen- ehrlich! ;-)
Während wir am Mittwoch noch ziemlich planlos einfach mal in der nahen Umgebung herum kurven- im wahrsten Sinne des Wortes: hier reiht sich Kurve an Kurve, Kreuzung an Kreuzung und immer im Regenwald. Ab und zu eine Lichtung- entweder eine Brücke über einen Fluss/Kanal/Teich oder dann ein Reisfeld. Ansonsten Kokospalmen, Bananenbäume, Jackfruit, Ananasfelder mit Gummibäumen und zahlreiche andere Palmen und grosse Regenwaldbäume/Büsche. Also, während es am Mittwoch eher noch planlos war, verfolgten wir am Donnerstag ein klares Ziel: eine Runde von etwa 100 Kilometern (wir brauchten gut 5 Stunden) von Dorf zu Stadt, dann rechts und überhaupt mit Karte und allem. Es war toll- und ich weiss jetzt, dass die RE durchaus Offroad-tauglich ist. Denn oft hatte es vor lauter Schlaglöchern gar keine befestigte Strasse mehr und irgendwie ist dann auch gar keine Linksverkehr mehr: jeder weicht den Löchern (dank Monsun bis zum Rand mit Wasser gefüllt) aus und sucht sich den besten Weg. Die Busse sind die Stärksten, dann die Autos der oberen Schicht, dann die kleineren Autos, dann etwa wir und die Tucktuck, dann die Roller, Fahrradfahrer und zuletzt die Fussgänger. Die Position in dieser Hierarchie von all den Tieren, die da noch rumlaufen (Ziegen, Kühe, Hunde) kenne ich nicht. Also erst Hupen und dann ausweichen!
Heute sahen wir unseren ersten Arbeitselefanten. Assen zum ersten Mal auf der Strasse und machten Pause vom Fahren an einer Tankstelle, geschützt von Monsun. Alles läuft gut. Mir gefällt’s. Und morgen, morgen gehen wir shoppen- für uns!
5.Tag: Wir kleiden uns indisch ein!
Am 30.7.10 gingen wir also unsere Kleidung für die Hochzeit kaufen. Erst besichtigen wir aber noch den Gemüsemarkt von Ettumanur und den dortigen, berühmten Hindutempel. Ich habe die Eindrücke vom lebendigen Markt mit all seinen Verkäufern und Händlern in dieser riesigen Betonhalle, all die Mücken, Tucktuck, Lastwagen, den Gestank, die Gerüche und Blicke der Inder knapp verdaut, die Ruhe im Tempel knapp wahrgenommen, schon geht die Fahrt ins 8km entfernte Kottayam los. In einen grossen Einkaufstempel (mit Tiefgarage, Lift(boy), Klimaanlage, ca. 5 Stockwerke) für Kleidung werden wir bereits von „unserem“ Verkäufer erwartet. Geschickt und schnell führt er uns durch die verschiedenen Stockwerke mit den Westlichen Kleidern und Traditionellen Kleidungsstücken. Erst ist Philipp dran. Ich muss sagen, für diese riesen Auswahl ging das Ruckzuck und Philipp stand in Mundu (Beinbekleidung/Tuch für Männer) und Kurtha (traditionelle Hemd) vor mir. Auch bei mir lief das prima rassig ab. Ich wurde in die Abteilung der Churidar (Kombi von Hose, Kleid und Schal) geführt, dann musste ich meine Preisvorstellung bekannt geben und anhand davon wurden mir die Kleidungsstücke gezeigt. Die Grösse spielt keine grosse Rolle, das kann eh alles noch geändert werden. Ich probierte etwa 5 Kombinationen an, wobei mir die Hosen etwas Mühe bereiteten. Die sind Einheitsgrösse, mal pluderig, mal ganz eng am Bein und oben im Bund habe ich in allen Hosen etwa 3-mal Platz. Kordel sei Dank klappte es dann aber immer irgendwie. Die Entscheidung fiel mir nicht sehr schwer- einfach das, welches Philipp am besten gefiel - ich hätte sie ALLE genommen ;-)
Philipp und ich werden von der Familie von Jense, welche uns eine Gastfreundschaft entgegen bringen wie ich es noch nie erlebt habe, langsam und behutsam in die Eigenständigkeit entlassen. Wir kaufen unsere Lebensmittel selber ein, kochen selber (mit unserem Kocher im Hotelzimmer..), gehen in Restaurants an der Strasse und bezahlen dies ehrlich gesagt dann auch ab und zu mit einem rumpeligen Magen! An das scharfe Essen kann man/frau sich ja gewöhnen- das sagen alle! Leichter gesagt als getan. Es ist ja nicht nur die Schärfe, die neu ist für den Magen. Es ist ja auch die Vielfalt an neuen Lebensmitteln: Gemüsesorten, Gewürzen, Nüssen, Kernen und und und. Alles in Allem klappt es aber schon ganz gut. Jedoch ans mit den Händen essen, daran scheitern wir beide. Zum Glück war bis jetzt immer irgendwo noch ein Löffel auf zu treiben.
Im Süden essen die Inder fast immer scharf, fast immer etwas mit Reis. Traditionell ist jede der drei Hauptmahlzeiten eine warme Mahlzeit. Zum Frühstück gibt es zahlreiche Reisgerichte. Brot kennen sie hier im Süden Indiens kaum. Kennen schon, aber essen sie nicht. Reis ist absolut das Grundnahrungsmittel. Zusammen mit Kokos, Kichererbsen, Mango und viel Gemüse (Zucchetti, grüne Bohnen, Tomaten, Karotten, und einiges, von dem ich den Namen gar nicht kenne.) Ab und zu Kartoffeln im Gemüseeintopf. Immer Chili, Pepperoncini…Ingwer -hauptsache scharf. Milch kommt kaum vor. Dafür Jogurt: gekochte Joghurtsaucen- mhmmmmmmm lecker. Fleisch gibt es bei Jense in der Familie einmal die Woche, an sechs Tagen etwas Fisch. Kein Wein, ab und zu Bier für die Männer. Hier wird Kokosschnaps getrunken- wir durften unserem Magen zu liebe noch nicht probieren. Es werden auch harte Sachen getrunken (von den Männern) wie Whisky, Brandy usw.
6. Tag: Mundu!!
Am Samstag fuhren wir erneut auf eigene Faust auf Keralas Strassen umher. Für unsere GPS Geräte liessen wir in einer Werkstatt hier die Batterien der RE anzapfen und ein Kabel legen, sodass wir das GPS während des Fahrens mit Boardstrom betreiben können. Die GPS-Halterung ist perfekt am Rückspiegel angemacht- mal lugen, wie lange das hält…
Abends besuchten wir Jenses Familie- mit einer kleinen Überraschung: Sowohl Philipp wie auch ich kamen in indischer Kleidung (welche wir an diesem Tag gekauft haben). Für Philipp kostete diese Aktion etwas mehr Mut als für mich, musste er doch immer wieder schauen, dass er den Mundu, dieses Tuch um den Bauch gewickelt, nicht verliert. Wir liefen die knapp 2km vom Hotel zu Jense nach Hause und konnten an jeder Ecke eine Staunen und Kichern der Inder ernten. Und als wir bei Jense ankamen, wurde auch sofort klar weshalb: „Philipp, bist du so durch das ganze Dorf gelaufen?“ „Ja“ „Du hast den Mundu auf die falsche Seite gewickelt!!“ Und sofort wurde er von John, dem Vater von Jense, in die Geheimnisse vom Mundu Wickeln und Mundu Tragen eingeweiht.
7.Tag: Polterabend
Am Sonntagabend fand der Polterabend von Jense statt. Zu diesem Anlass liess die Familie von Jense ein Zelt rund um ihr Haus herum aufbauen. Ein stabiles Eisengerüst welches während dreier Tage mit Metern von wunderschönen Blumenstoffen eingekleidet, mit hunderten von farbigen Lämpchen dekoriert und mit zahlreichen Deckenventilatoren versehen wurde. Auch im grossen Garten wurden hunderte von Lämpchen montiert- es sah aus wie in Las Vegas! Ca. 170 Leute trudelten so ab 18 Uhr ein. Alle von der Seite des Bräutigams sowie sämtliche Nachbarn. Auf der eigens gebauten Bühne fand dann eine ca. zweistündige Show statt mit viel Livemusik (extrem laut), und ganz vielen kleinen Ritualen für den Bräutigam. So wurde er zum Beispiel gewaschen, rasiert, frisiert, musste duschen gehen und kam dann in Begleitung all der anwesenden Männer unter lautem Geschrei im neuen, geweihten Mundu wieder auf die Bühne. Dort wurde ihm von einigen Familienangehörigen Süsses gefüttert. Der Dorfälteste ist ebenfalls anwesend. Er segnet Jense und herzt ihn heftig. Mittles all dieser Rituale wird Jense von allen Anwesenden in seine neue Rolle im Eheleben verabschiedet.
Nach dieser Show gab es Essen für alle vom mega grossen Buffet. Fladenbrot mit Fisch, dann Reis mit vielen verschiedenen Gemüse und Fleischgerichten dazu. Die Männer tranken reichlich Bier und anderes, die Frauen Wasser und Kaffee. So gegen 21.45 war das Essen zu Ende (das Essen geht hier immer sehr schnell und steht eigentlich vom Zeitablauf her in keinem Verhältnis zum Aufwand!), so gegen viertel vor 10 also wurde getanzt- und wie! Die Männer stehen im Mittelpunkt der Tanzfläche, springen, johlen und wippen umher. Die Frauen stehen am Rand der Tanzfläche und klatschen und wiegen neckisch mit den Schultern. Immer mal wieder ergibt sich eine Polonäse, welche sich durch die ganzen Stuhlreihen, quer über die Bühne bis wieder hin zur Tanzfläche schlängelt. Bei den Männern tanzen alle- von jung bis alt. Bei den Frauen tanzen vor allem die Jungen, die älteren sitzen nahe der Tanzfläche und ermahnen ihre Männer mit Blicken und Zurufen oder gar kurzen Anstupfen, dass sie nicht übertreiben sollen. Das geht eine knappe Stunde so, dann ergreift der Bräutigam das Mikrofon, dank allen Gäste, bittet um Applaus für die Band- und der Polterabend ist fertig. Wie wenn jemand den Lichtschalter umkippt ist es plötzlich ganz ruhig und es dauert gar nicht lange, sind auch alle Leute weg.
8. Tag: Hochzeit
Am Montag, 2.7.10, am grossen Tag, treffen wir kurz nach 8 bei Jense ein. Gemeinsam wird gefrühstückt und Kaffee getrunken. Immer mehr Leute, Bekannte und Verwandte treffen ein. Alle sind sie wunderschön gekleidet. Männer wie Frauen tragen leuchtende Farben, viel Glitzer (vor allem Gold) aus Seidenstoffen. Bei den Frauen überwiegt der traditionelle Sari, bei den Männern liegt Philipp mit seiner Kleidung voll im Trend.
Der Fotograf mit seinen 2-3 oder waren es 5 Helferjungen installiert Foto- und Filmkamera und alle Gäste werden schon ein erstes Mal mit und ohne Bräutigam und überhaupt sicherheitshalber grad nochmals gefilmt und geknipst. Jense trägt zur Zeremonie in der Kirche einen westlichen Anzug. Die ganze Gruppe (locker 150 Leute) bewegen sich mit Auto, Taxi und Tucktuck zur Kirche. Dort treffen der Bräutigam und die Braut aufeinander, die Familien begrüssen sich herzlich und der Fotograf bringt alles in seine Kasten. Die Braut trägt einen weissen Sari mit Schleier im Haar (nicht vor dem Gesicht). Die Zeremonie dauert etwa zwei Stunden. In der Kirche gibt es keine Bänke. Man/Frau steht die meiste Zeit oder es setzten sich alle auf den Boden. Für die älteren Menschen gibt es einige Plastikstühle. Die Frauen bleiben während der ganzen Messe da, die Männer gehen rein und raus- und bleiben dann auch gerne draussen. Immer wenn es „wichtig“ wird, sind sie aber alle wieder in der Kirche drin. Es ist eine katholische Messe mit viel Gesang und etwa 5 Priestern. Während der ganzen Messe wird schamlos gefilmt, geknipst, herumgelaufen und getuschelt. Es spielt dieselbe Live Band wie am Polterabend. Nach der Zeremonie (es gab keinen Kuss, auch kein „Yes“ sondern 2 „Amen“) bewegt sich der ganze Tross in die nahe gelegene Kirchgemeindehalle zum Essen. 700 Gäste sind es zum Essen. Die Halle ist vom feinsten geschmückt mit Blumen, Schnitzereien aus Esswaren, die Plastikstühle sind alle mit Stoff und Bändern eingekleidet. Das Brautpaar sitzt auf einer grossen hohen Bühne, es wird immer noch viel gefilmt und geknipst und so kommen sie kaum zum Essen während wir, alle Gäste, aufs Vorkömmlichste bedient werden. Wiederum geht das Essen sehr schnell. Die ersten Gäste verlassen nach knapp einer Stunde und nach einer kurzen Visite auf der Bühne beim Brautpaar das Fest. Ca. zwei Stunden nach der Zeremonie in der Kirche ist der ganze Spuk vorbei. Die Braut besucht dann das erste Mal das Zuhause ihres Mannes. Dort wird sie mit einem kurzen Ritual (die Schwiegermutter macht ihr 3 Kreuze auf die Stirn) in die Familie des Bräutigams aufgenommen. Sie hat nun sozusagen ihre eigene Familie verlassen und gehört nun zur Familie ihres Mannes.
Unterdessen ist es knapp 16 Uhr. Auch Philipp und ich verlassen, als fast letzte, das Familienhaus und lassen diesen farbenprächtigen, erlebnisreichen und eindrücklichen Tag im Hotel ausklingen. Wir laden die Fotos und Filme auf unseren Laptop, duschen ausgiebig und kochen uns ein magenverträglich einfaches Menu: Reis mit Zwiebeln und Tomaten. – Juhui, ich bin wieder unterwegs auf den Strassen dieser Welt!
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Written on the 16th day of trip IV - India/Asia/Australia
443 Km on the road