Und dieser Zug ist bereits mächtig voll. Die Bevölkerungsdichte ist enorm, jeden Tag nachmittags um vier Uhr strömen Massen uniformierte Schüler auf die Strassen aller Städte und Dörfer. Sie laufen über die löchrigen Steinplatten der muffigen Abwasserkanäle, die sie überdecken und so als Gehsteig dienen. Quetschen sich um die plärrenden Autorikschas. Vorbei an den kleinen Lädelchen und Kiosken mit grossen Namen. Praktisch jeder hat sich auf eine kleine Produktnische spezialisiert. „Crown Plaza“ hat einigen Halsschmuck und Handys in der Auslage. Die ebenerdige „Sri Lakshmi Tower Bakery“ wirbt im Feierabendverkehr mit bunten Plätzchen und Tortenstücken in allen Formen für die kleine Versüssung des Heimweges. Auf der anderen Seite der dröhnenden Strasse erhaschen die Schulkinder einen flüchtigen Blick auf zwei Touristen, wobei die Frau so lustig kurze Haare hat, die oben und auf der Seite nicht einmal die gleiche Farbe haben. Dabei stolpert die eine fast über die am Boden sitzenden Verkäufer und Verkäuferinnen von duftenden Kränzen aus Jasminblüten. Sie entschuldigt sich bei den Händlern und gibt acht, dem ebenfalls auf dem Boden sitzenden Mann, welcher zwei Paar Schuhe, ein Bleistift und vier glänzende Rasierklingenblätter verkauft, auszuweichen. Ihre Kolleginnen stupfen sie an, denn vor ihnen laufen einige Jungs von der privaten Knabenschule. Zwei von ihnen sind so dick, dass die Uniform mit der Krawatte nicht mehr so gut aussieht an ihnen. So dicke Knaben gibt es an der öffentlichen Knabenschule, mit welchen sie den Sportplatz teilen nicht.
Für den einen oder anderen ist der Zug bereits heute zu schnell. Der Strassenverkäufer hat kein Ticket. Für den Besitzer des Minishops mit 250 Blechtöpfen tickt die Uhr rückwärts. In abzählbaren Jahren wird es Berichte geben wie „Mein Vater war der letzte Autorikscha- Fahrer in X“. Die Möglichkeiten jedes Einzelnen nehmen rapide zu im Land, welche sich im Hauptwettbewerb mit China sieht, gerne illustriert als der Kampf zwischen Drachen und Elefant. Die „Study, Work, Migrate“ Plakate werden weniger, im eigenen Land steigt das Angebot auf allen Ebenen: Jobs, Waren, Vergnügen, Mobilität. Das Angebot explodiert richtiggehend und schafft so fast absurde Kontraste, Gegensätze und Situationen. Einkaufswagen crashen wie Autoscooter Richtung Kasse. Der Kaffee wird mehrmals zwischen Unterteller und Tasse hin und her geleert – und dann aus der Untertasse getrunken.
Nicht immer sind für mich diese Gegensätze auflösbar, nicht immer ist es so leicht nachvollziehbar einfach „die andere Kultur“ wie im Beispiel mit der Untertasse. Heute wurden wir vom Kellner gefragt, ob er für uns den Kaffee umleeren soll, als er bemerkte, dass wir dies nicht tun. Nicht jeder, vielleicht sogar nicht einmal viele mögen zu Hause Sattelitenfernsehen haben. Aber hey, seien wir nicht blauäugig: Jeder kennt jemanden, der diese 50+ Sender im Wohnzimmer empfängt. Es gibt Internet, nicht schnelles und nicht übermässig verbreitet, aber auch nicht so unerschwinglich, dass davon gesprochen werden könnte, es sei nur der Oberschicht vorbehalten. Täglich kommen mehrere dicke Zeitungen auf den Markt, in Englisch und ihrer jeweiligen Landessprache. Jedes Dorf ist von einer Anzahl Mobilfunkmasten verstellt, eine sensible Person bekommt nur schon vom durchzählen Kopfweh. Die zahlreichen Buchhändler legen dieselben Bücher wie bei uns in Europa auf die Verkaufstische. Überlebensanleitungen für eine erfolgreiche Karriere, der Weg zu Reichtum und einer gelungenen Partnerschaft, unzählige Biographien von Reichen und Schönen und fette Diätprogramme, garniert von ein paar Sachbüchern zu wissenschaftlichen Themen. Und genau das verstehe ich nicht. Sie lesen dieselben Bücher, sehen sich dieselben Filme an, die Nachrichten sind um einige Längengrade verschoben mit den unsrigen Vergleichbar. Aber trotzdem wird immer noch mit den Händen gegessen. Trotzdem und entgegen aller Beschilderung und Bemalung der Strasse setzt sich das rohe Prinzip des Stärkeren auf der Strasse durch. Trotzdem sehe ich viel weniger Frauen auf der Strasse und schon gar nicht eine Frau alleine. Und alle, ALLE, haben sie lange Haare zu tragen. Frauen bewegen sich in Gruppen, meistens etwas abseits, verhalten sich leise und unauffällig, je nach Glaube dürfen die Arme unbedeckt sein. Nur die wenigsten und auch nur in den grösseren Städten wagen es einige Frauen, Hosen zu tragen. Währenddessen können sich (junge) Männer beinahe alles erlauben. Da schaut sich niemand um, wenn sie oben ohne und mit nackten Beinen durch die Strassen gehen, an den Rand urinieren oder im botanischen Garten laut Parolen grölend querbeet durchs Grün hüpfen. Ich bin nun seit einem Monat in Südindien und habe noch NIE ein Paar sich halten sehen. Nicht Zeuge eines einzigen flüchtigen Kusses bin ich geworden.
Diesem ganzen treiben haftet für mein Empfinden aber immer etwas Unschuldiges an. Die ganzen Scharen junger Männer zwischen zwanzig und dreissig, die am Unabhängigkeitstag Alkohol trinken und sich das dermassen nicht gewohnt sind, dass bereits um vier Uhr am Nachmittag die Dorfstrasse gepflastert ist mit halbverdauten Mittagessen. Oder die drei Jungs an einer Tankstelle, welche ein riesen Theater machen um zusammen mit Jazz fotografiert zu werden. Das ist nicht herzig, herzig ist, dass mir der Fotograf immer wieder zeigt, dass er nur eine Grossaufnahme von Jazz und ihren kurzen Haaren gemacht hat und die anderen gar nicht drauf sind. Alle die Männer, welche Hände haltend durch die Strassen schlendern. Der ältere Mann, der sich laut weinend, in der Nähe ist ein Spital, an der Schulter eines anderen Mannes festhält. Die drei Väter, welche sich lauthals darüber streiten, wer das Motorrad nun steuern darf, mit welchem sie alle zusammen weiterfahren wollen. Die jungen Männer im botanischen Garten sind für die Spielchen, Gockelkämpfe und lautes singen und hüpfen eigentlich schon viel zu alt, aber die Lebensfreude ist natürlich auch ansteckend. Das Leben, der Alltag ist einfach viel öffentlicher. Und da eben genau die Zweisamkeit ausgeblendet wird, alle sich verhalten als wären sie asexuelle Wesen, wirkt es auf mich kindlich und eben unschuldig im Vergleich zu unserer Welt. Ich wette eine Royal Enfield Bullet Electra Twin Spark in Indien darauf, dass wir in den kommenden Monaten bei uns damit konfrontiert sein werden, ob öffentliches Kopulieren toleriert werden soll, weil natürlich freie Entfaltung wichtig, gerade bei den Jungen.
Wird das Mädchen von oben, welches von der Schule nach Hause geht, eines Tages mit kurzen, gefärbten Haaren durch die Strassen laufen? Wird sie eine Rolle als Mutter und Organisatorin des Hauses und Kinder lieben und ausführen? Wählt sie eines Tages ihren Mann selbst aus, antwortet sie sogar auf eines der Zeitungsinserate in der Rubrik „Braut gesucht“: „1 Meter 72, 36 Jahre, Studienabschluss Dings, Teatotaler, Einkommen 10000“? (Rubrik „Bräutigam gesucht“ gibt es nicht.)
Wird es der Dicke Junge eines Tages in die IT Branche nach Electronic City verschlagen? Eher, als dass er als Reinschmeisser an der offenen Türe eines Busses mitfährt. Eher, als dass er im Keller eines Hotels auf einer Wolldecke am Boden übernachtet und darauf hofft, eines Tages verantwortlich zu sein für ein ganzes Stockwerk, um auf der Couch in der Lounge schlafen zu dürfen. Denn Bildung ist vieles. Familie, Herkunft, wer kennt wen,… Aber wo tut es das nicht?
Die Tankstellenjungs freuten sich immer noch riesig darüber, dass sie so clever Grossaufnahmen von Jazz machen konnten, da kamen zwei Transvestiten angelatscht. Ich staunte natürlich nicht schlecht, denn das waren so was von Kerle. Viele Südinder sind fein gebaut mit sanften, zarten Gesichtern. Bei nicht wenigen denkst du sogar als Heteromann, dieser da bräuchte sich nicht mal die Haare wachsen lassen oder den Schnauz abschneiden. Einfach ein Sari umhängen und da reichen 10000 Einkommen dann auch nicht viel. Aber diese zwei Transvestiten das waren so richtig kantige, grosse Grobiane. Sie haben den Tankwart etwas bedrängt, vielleicht hat der ja bei denen Schulden gehabt.
Unterdessen haben wir schon mehrere Transvestiten gesehen. Meistens an Kreuzungen, sie fragen nach etwas Geld. Man gibt was und man wird gesegnet, man gibt nix und man wird verwünscht. Frauen von Indien: Schneidet eure Haare und tragt Hosen!
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Written on the 36th day of trip IV - India/Asia/Australia
1'798 Km on the road