HOME ROUTE DIARY FOTOS
 
 
 
 
 
ROUTE DIARY FOTOS MOTORCYCLES EQUIPMENT ABOUT US
 
 
 
 
 

Do not mix drinking and driving

Written in India
08/26/2010 by jazz

In Mysore verbrachten wir drei Tage mit Sightseeing (Mysore Palace), Shopping (Seidensaris) und einem kurzen Besuch beim Royal Enfield Händler, wo meine RE von ihren kleinen Ausrutscherblessuren kuriert wurde. Wir verbrachten viele Stunden zu Fuss in den Strassen dieser grossen Stadt und beobachteten den Alltag der Menschen hier.


Unsere Fahrt ging weiter nach Norden. Es wurde ländlicher, ärmer und (noch) schmutziger. Das Angebot an Nahrung, Sicherheit und Übernachtungsmöglichkeiten nahm rapide ab. Zudem war ich müde und die letzten Etappen zu lange. Indien wurde mir plötzlich unangenehm (siehe „ Scheiss Indien?“). Auch meine Verdauung streikte seit einigen Tagen (sogar Philipp hatte diesbezüglich seine Krämpfe). So änderten wir die Himmelsrichtung und passten unseren Reisestil (Tempo, Etappen, Planung) dem Land und unserer Verfassung an. Wir schmissen die ganzen Lonely Planet Unterlagen über Bord und lernten, wieder auf unsere Erfahrung, unser Gefühl und Empfinden zu hören. Drei Tage und Nächte in Bangalore, der Hauptstadt von Karnataka (modern, Weltstadt mit Einkaufmalls und Hotel mit intern. Standard) verhalfen ebenfalls dazu, wieder zu Energie und Reiselust zu finden. In dieser Stadt unternahmen wir ausser viel essen, etwas spazieren und viel reden nichts Grossartiges – und das tat richtig gut! Viele Erlebnisse und bisherige Eindrücke der knapp 2000km kamen hoch, entlocken mir Schmunzeln, Staunen, Gänsehaut, Kopfschütteln und auch einige Fragezeichen.

Ob an grossen Gemüse- und allerlei anderen Märkten, an Baustellen, in kleinen Gassen, an grossen Kreiseln einer Stadt, bei einer Fahrt auf der dreispurigen Autobahn oder über Schlaglöcher in der Pampa draussen: auf und an indischen Strassen gibt es für mich als Europäerin immer etwas Spezielles zu sehen, zu erleben. Die eigene momentane Verfassung gibt dann nicht selten den Ausschlag darüber, ob ich Erlebtes als positiv oder negativ empfinde.

Da wäre zum Beispiel die ganze Esserei. Als Erstes muss Mann/Frau wissen, dass wir bei Hunger nicht ein Restaurant suchen, sondern ein Hotel. Und wenn ein Hotel gefunden ist, dann ist das wirklich nur ein Resti. Zum Schlafen wird dann eine Lodge gesucht. Soviel dazu. Dann, ganz wichtig, alle drei Mahlzeiten sind warme Mahlzeiten, wobei das Grundnahrungsmittel hier im Süden ganz klar und glücklicherweise Reis ist. Alle drei Mahlzeiten werden hier von allen Einheimischen, vom Schüler über den Studenten, den Männern jeglichen Alters und, wobei am wenigsten das Frühstück, von den Frauen in der Öffentlichkeit eingenommen. In einem Frühstücksresti herrscht zur Frühstückszeit ein Betrieb wie im Mc Donalds an der Bahnhofstrasse am Mittag. Gefrühstückt wird zwischen halb sechs und halb neun Uhr. Mittagessen gibt es dann zwischen 13 und 15 Uhr. Schlemmbetrieb herrscht dann wieder ab 17 Uhr, wenn die Schüler auf ihrem Heimweg noch schnell was Süsses geniessen und die Studenten und Büroarbeiter am selben Süssigkeiten Stand ihren Kaffee oder Tee trinken. Gegen 22 Uhr findet das Nachtessen statt. So wie ich das beobachte, ist das Nachtessen die Mahlzeit, welche von allen am ehesten im Kreis der engen Familie und zu Hause eingenommen wird.


Der Tag beginnt hier im Süden Indiens für viele ungefähr um 5 Uhr, dann ist es richtig laut: die Fernseher oder Radios laufen, Kochlärm, Kindergeschrei, erste Hupereien auf den Strassen, lautstarke Unterhaltungen unter Nachbarn oder am Handy finden statt. Manchmal im Zimmer neben an, öfters aber im Korridor draussen. Auf dem Land kommen da noch die ohrenbetäubenden Lautsprechergebete hinzu. Um etwa 8 Uhr wird es dann wieder etwas ruhiger. Für Philipp und mich liegt dann oft nochmals eine knappe Stunde Schlaf drin bevor uns der Tageslärm, die Hitze und der deutliche Ruf nach Abenteuer aus den Betten treiben. Die Geschäfte und Läden öffnen so ab 10 Uhr morgens. Nicht ganz alle. Handwerker kennen die Mittagspause zwischen 12.30 und ca. 15 Uhr, haben aber am Abend locker bis 20 Uhr auf.
Eine eigentliche Siesta ist nicht auszumachen. Es haben nie alle Läden geschlossen (ausser Nachts ab ca. 23 Uhr). Auch am Sonntag hat vieles an Läden offen. Büros evtl. weniger. Inder erledigen ihre administrativen Angelegenheiten am frühen Abend. Oft ist es zwischen 19 und 22 Uhr sehr ruhig. Dann geben die Inder aber nochmals Vollgas wie am Morgen. Um 23 Uhr ist in der Regel, auch bei Festen, Schluss wie wenn jemand den Strom abstellen würde.


Obwohl ich sagen würde, dass die Frauen hier in Indien nicht unterdrückt leben (ist natürlich auch noch von der Religionszugehörigkeit abhängig), gibt es aber doch deutliche Mann/Frau Regeln:
- Bei grossen Gesellschaften bilden die Männer und die Frauen getrennte Gruppen
- Die Männergruppen leben ausgelassener, lauter und verspielter. Sie singen, tanzen und johlen in Gruppen oft. Vor allem Männer zwischen 20 und 30 Jahren. Ältere Männer verhalten sich auch in der Gruppe ruhiger, gelassener, souveräner.
- Frauengruppen, ob jung oder alt, verhalten sich ruhig und mind. in der Öffentlichkeit wie ängstliche Herdentiere: in der Mitte der eng stehenden Gruppe scheint Frau sich am wohlsten zu fühlen, geschützt vor den Blicken der Männer und anderen Lebewesen. Oft halten sie sich die Hand vors Gesicht, kichern im Versteckten und erhaschen sich nur kurz und scheu einen Blick von dem, was rund um sie herum abläuft. Im Botanischen Garten zum Beispiel, sah ich keine Frau einen Baum berühren, über eine Wiese rennen, auf einer Schaukel sitzen, auf einem Baumstrunk balancieren oder theatralisch bzw. filmreif vor einem Blumenbusch für ein Handyfoto posieren. Männer schon.
- Männer(gruppen) sehe ich viel öfters in Restaurants frühstücken oder zu Mittag essen. Frauengruppen kaum, wenn, dann in Familien- dann aber wieder an geschlechtergetrennten Tischen.
- Mädchen (bis etwa 6 Jahre) sind im Vergleich zu den Knaben viel aufwendiger (kitschiger) gekleidet: wie Prinzessinnen mit farbigen Kleidchen und viel Glitzer. Nicht selten auch geschminkt.


Die drei Hauptreligionsgruppen hier in Südindien (Christen, Moslem und Hindu) leben nahe beisammen. Es herrscht grosse Akzeptanz; jedenfalls vordergründig/so wie ich das mitbekomme.


Hier herrscht wirklich noch freie Marktwirtschaft: Strassenhändler stellen ihre Shops auf Rollen (Fahrrad, Mofa, Schubkarren) oft direkt auf den Gehsteig vor einem Laden auf. Ein Durchkommen in das Geschäft wird dabei nicht selten erschwert. Und beide verkaufen dann Kaffee oder Schmuck oder Kleider oder sonst einfach das selbe und das stört hier weder den Ladenbesitzer, noch den Strassenverkäufer noch den Fussgänger und auch die Kühe nicht.


Was wir ausserhalb der Städte erleben, geht oft auf keine Kuhhaut. Zum Beispiel Weizendreschen: mitten über die Hauptstrasse wird einen Jutensackflickwerk ausgebreitet und das Korn darauf ausgeschüttet. Den Rest übernehmen die darüber fahrenden Linienbusse, Lastwagen, Ochsenkarren und Motorradfahrer. Zugegeben, nicht oft aber ganz genau gesehen! Natürlich dominiert draussen auf dem Land die Armut. Ich überlege aber immer öfters, ob es wirklich Armut ist oder nicht mit „Einfachem Leben“ besser beschrieben ist. Es ist bestimmt unheimlich hart, mit Muskelkraft (eigene und die der Tiere) all die Felder zu bestellen, das Wasser jeden Tag heran zu tragen, auf TV/Internet zu verzichten, einfach zu essen und nur wenig Kontakt zu wenigen Nachbarn zu haben. Aber es stinkt nicht so grässlich nach Urin, Fäkalien, Gekotze, Abgasen und Fäulnis wie in den Städten und Dörfern an einigen Orten und man wird, egal wie man sich auf der Strasse bewegt, sicher nicht täglich mehrmals beinahe überfahren. Man sieht hier den Himmel smogfrei und es hat Vögel, Blumen und Grünflächen soweit das Auge reicht.

Was aber auch vor dem Leben auf dem Land keinen Halt gemacht hat ist das Handy! Alle, Frauen und Männer besitzen ein Handy und gebrauchen dies auch- überall: im Bus, im Auto am Steuer, beim Pflügen, Haareschneiden, beim Motorradfahren, beim Einkaufen am Markt, im Restaurant, an der Rezeption, an der Tankstelle- einfach wirklich überall! Und hier kommt dann auch eines meiner Fragezeichen: wieso um alles in der Welt bin ich als Weisse Frau auf dem Motorrad mit vielleicht etwas unüblicher Frisur, wieso bin ich bloss eine derart grosse Attraktion, eine Seltenheit, als käme ich direkt vom Mond? Sie schauen fern, sie hören Radio, sie nutzen Internet und gehen ins Kino…


Philipp und ich haben wieder etwas in unsere Reiseroutine gefunden. Wir halten uns an wenige, dafür unsere Regeln/Erfahrungen:
1. Essen suchen, bevor der Hunger da ist
2. Hotel (sorry, Lodge!) suchen, bevor wir müde sind
3. Kurze Etappen machen (max. 100km, ca. 3 h Fahrt)
Und so gelingt es uns auch meistens, genügend fit und ausgeschlafen zu sein, um Indien und seine Menschen als das wahr zu nehmen, was es für mich ist und bleibt: fremd.
So macht es mir wieder richtig Spass auf unseren RE’s auf den Strassen Indiens unterwegs zu sein.


Ich geniesse es wieder, wenn ich morgens in voller Montur auf den Sattel meiner bepackten RE klettere, das GPS einschalte, den Motor starte und Philipp zunicke um Sekunden später in eine weitere Strasse Indiens ein zu biegen. Der Wind kühlt meine bereits jetzt nass geschwitzte Haut zuverlässig und links und rechts von mir herrscht Leben. Oftmals ertappe ich mich beim Gedanken: „Nein, die machen hier nicht Theater oder Show für mich! Das ist alles Echt! Die Szenenbilder sind wahrhaftig. Diesmal in Indien.“ Ich schaue dem Bauern mit seinem Ochsengespann zu wie sie pflügen, ich beobachte Frauen, wie sie die Reisfelder von Hand pflegen und ich winke den Kindern am Strassenrand zu. Und auch der junge Motorradfahrer, der gerade zum dritten Mal an mir vorbeifährt nur um sich gleich wieder von mir überholen zu lassen, auch er erntet mein zufriedenes Lächeln. Schliesslich staunen wir ja beide um die Wette, er wie ich!

---
Written on the 38th day of trip IV - India/Asia/Australia
2'096 Km on the road


Route in India


 
 
 
 
 

Fotos around that time

Avatar
Da wollen immer alle mitgucken
Foto taken between Salem and Karur, India.
Aug 2010
Avatar
Kaffee Stand in Karur
Foto taken between Salem and Karur, India.
Aug 2010
Avatar
Fuhrwerke gehoeren zum Strassenbild
Foto taken between Salem and Karur, India.
Aug 2010
Avatar
Strassenleben Karur 2
Foto taken between Salem and Karur, India.
Aug 2010