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Letztes Tali in Tamil Nadu

Written in India
09/25/2010 by phil

Erst eine Woche Cochin die Weiterreise vorbereiten, Abnehmer für die Motorräder finden, ein Paket mit Souvenirs nach Hause senden, grosse Koffer für das ganze Gepäck kaufen, oder was davon übrig bleibt. Mit einem Nachtzug geht es danach hoch nach Goa, einige Tage da, wieder Nachtzug nach Delhi, nochmals einige Tage warten und dann per Flugzeug nach Singapur. Per Mail erreichte uns die Nachricht, dass unsere KTM 530 EXC in Antwerpen verladen wurden und diese Tage in See stechen werden. Die Motorräder sollten demnach pünktlich, mit etwas Glück einige Tage vor uns, in Singapur eintreffen. Bis wir sie aus ihrer Kiste befreien können, dauert es sicher einige Tage und somit rechnen wir halt auch einmal mit einer Woche Aufenthalt in Singapur. Alles zusammen genommen vier Wochen in Städten, Zügen und an Häfen.

In diesem Sinne geniesse ich jede einzelne Fahrt besonders. Wir entscheiden uns, nochmals eine Nacht im Bundesstaat Tamil Nadu zu verbringen. Zwar nur eine ganz kurze Tagesetappe. Eigentlich könnte man von Kumily locker an einem Tag runter vom Berg, ins westliche Flachland, Spitzkehre und gleichentags wieder hinauf nach Munnar. Also Kerala, Tamil Nadu, Kerala, wenig mehr als hundert Kilometer. So wie wir fahren ist es nicht einmal eine andere Strasse. Derselbe wunderschöne, geschlungene Weg, der sich steil den Flanken entlang windet, dieselbe traumhafte Aussicht auf die Felder und Plantagen in der Ebene. In Indien habe ich mit grossem Erstaunen nochmals eine ganz andere Welt kennen gelernt, die ich nur bruchstückhaft und nicht als Ganzes erfassen kann. Zu vieles kann ich nur wahrnehmen, ohne es zu verstehen. Zu wenig, als dass ich mir ein Urteil erlauben dürfte. Es herrschen hier ganz andere Vorstellungen vor, als wir sie bei uns kennen. Es gelten ganz andere Regeln, die Religion der Hinduisten (übrigens ein Sammelbegriff für unzählige, sich ähnliche Glaubensarten) bleibt mir unzugänglich. In Südindien gibt es ein unterschiedliches Verständnis der Sauberkeit. Der Verkehr wird gänzlich anders organisiert. Das Rollenverständnis der Geschlechter ist nicht das unsrige und im Miteinander sind andere Zeichen und Gesten bedeutend, der Umgang unter einander ist ebenfalls ganz anders. Das alles meine ich mit vollem Respekt und ohne Zynismus oder Ironie. Ich bin nach Indien gekommen, um zu beobachten, nicht um meine eigene Heimat zu entdecken oder ihr einen frischen Anstrich zu verleihen.

Ein Indien-Fan werde ich vermutlich trotzdem nicht. So wie es momentan hier ist, oder besser gesagt, wie ich es erlebe, passen Indien und ich nicht sehr gut zusammen. Meine Bedürfnisse und Erwartungen werden zu wenig erfüllt, als dass ich hier und heute denke, dieses Land nochmals mit einem Motorrad zu bereisen. Genauso wenig möchte ich aber davon abgeraten haben. Komm und schau selbst. „Verrückt, man kann in diesem Land alles kaufen“, gefolgt von Smiley, Smiley und zwei Ausrufezeichen. So gelesen in einem Reiseforum über Indien. Die Rede war von Imodium gegen Durchfall, ich war auf der Suche nach dem in Indien gängigen Produktnamen, weil schon etwa fünfmal angebrannt in Apotheken oder was danach aussah. Diese Begeisterung des Verfassers des Forum Beitrags steigt bei mir einfach nicht mehr hoch, wenn ich irgendwann später tatsächlich Loperamid 2mg kaufen kann, einfach weil ich von Anfang an erwartet habe, dass es diese Korken zu kaufen gibt. Es kostet mich keine Überwindung mehr in einen Bretterverschlag zu treten und den fünf neugierigen Augenpaaren standzuhalten, die mich anstarren und gespannt und in einer Todesstille jede meiner Bewegungen registrieren. Ebenfalls wortlos und langsam starre ich meinerseits das Angebot des Ladens ab, mit der Erfahrung, dass sich die Produktepalette mit jeder Minute erweitert. Weil die Ware ungewöhnlich angeordnet und die Beleuchtung nicht marketingtechnisch optimiert ist, dauert es einfach seine Zeit. Und sonst halt einfach Zeichensprache, dann wird es sowieso meistens lustig, ich meine den Durchfall spielen wie beim heiteren Rätselraten bringt einfach Stimmung in die Bude. Das Siegergefühl bleibt aber aus, welches die Stimmung anheben und dadurch die anstrengenden und manchmal mühsamen Erlebnisse wettmachen könnte, das emotionale Gleichgewicht ausgleichend. Einfach weil ich schon zu Beginn eine Erwartung hatte, die dann nur noch erfüllt wird. Vielleicht ist meine Haut einfach schon zu ledrig von Wind und Wetter. Andererseits glaube ich nicht, dass meine Erwartungen zu hoch sind, denn mit zunehmender Reiseerfahrung sind diese auf ein realistisches Mass geeicht. Im Gegenteil, ich finde es peinlich naiv und etwas überheblich, im Jahr zehn nach 2000 anzunehmen, Kohletabletten hätten den indischen Subkontinent noch nicht erreicht. Das sind keine Zurückgebliebenen hier und Loperamid jetzt nicht das neuste Mittel gegen Krebs. Die Bildung mag teilweise mangelhaft sein, die technischen und finanziellen Mittel limitiert. Deshalb sind sie noch lange keine Deppen. Es gibt ja aktuell einen deutschen Politiker, der diesen Unterschied zwischen Bildung und IQ nicht Verstanden hat. Die „The Hindu“ hat darüber einen Artikel geschrieben. Und weil du und ich wissen, dass dieser Politiker das tolle deutsche Bildungssystem genoss, lässt sich daraus schliessen: Der Typ ist wirklich Saudumm. Hoffentlich schafft der sich bald ab. Nur so als Randbemerkung. Drei Bedürfnisse an Motorradreisen sind für mich wichtig: nicht öfters beinahe überfahren werden, ruhig schlafen und möglichst wenig Magenkrämpfe. Und diese drei Punkte kommen für meinen Geschmack alle ein wenig zu kurz. Das ist kein Vorwurf, einfach eine Feststellung. Da gibt es keine Schuldige und Beschuldigte. So empfinde ich es und denke, dass zwischen mir und Indien deshalb nicht die heisse Liebe entbrannt ist.

Nun werde ich fast ein wenig schwermütig. Tamil Nadu bietet nochmals alles, wie wir es kennen gelernt haben. Draussen ist es schweisstreibend heiss aber schön trocken. Das Tali ist herrlich, die sechs Schalen mit den unterschiedlichen Saucen, welche mit dem Reis auf dem Bananenblatt vermischt werden genau richtig. Intensiv im Geschmack und doch nicht zu scharf. Zum Frühstück werde ich Idlis mampfen, soviel ich nur kann. Das sind so kleine, schwabblige Ufos gedünsteter Reismasse. Einfach Spitzenklasse. Jazz nimmt dann vielleicht diese kleinen Omeletten aus Kichererbsen Mehl oder die Fladen aus derselben Reismasse wie die Idlis, die dann aussehen wie Crêpes und von denen sie mir dann sicher auch noch eine Ecke abgibt. Das Essen ist wirklich fantastisch und die Auswahl für einen langjährigen Vegi natürlich himmlisch. Das werde ich vermissen und ich muss unbedingt herausfinden, ob ich in der Schweiz diese Mehlmischungen besorgen kann.

Eine negative Kritik muss ich zum Schluss doch noch loswerden. Indische Bananen sind hässlich. Frown, Frown, doppeltes Ausrufezeichen. Zeit meines Lebens wurde mein Geschmackssinn auf Chiquita konditioniert. Und ich hatte das Glück in meinem Leben, dass ich das Chiquita-Land bereisen konnte. Das ist ein gelbes Paradies und durchschnittlich jede Banane so extrem fein, dass die Schlechteste immer noch eine Gute in den Läden Europas wäre. Als ich die Bananenplantagen Keralas sah, so benebelten natürlich Endorphine meine Sinne, ich hörte Knabenchöre Lobgesänge singen und der Speichel lief mir aus den Mundwinkeln. Aber weit gefehlt. Nix da Chiquita, nur Xerox. Also ist Chiquita bei uns ein Synonym für Banane, so ist Xerox hier in Südindien ein Synonym für Kopieren. Und so schmecken auch die Bananen: Nach muffligem Papier mit Druckerschwärze. So schlimm natürlich nicht, ich übertreibe. Aber der Kater ist einfach besonders stark nach einem solchen Rausch.

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Written on the 68th day of trip IV - India/Asia/Australia
4'119 Km on the road


Route in India


 
 
 
 
 

Fotos around that time

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Stausee im Morgenlicht, nahe Munnar, Kerala.
Foto taken around Munnar, India.
Sep 2010
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Schwarzteeplantage im Morgenlicht.
Foto taken around Munnar, India.
Sep 2010
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Lange gesucht, endlich gefunden: Grenzstein Top Station.
Foto taken around Munnar, India.
Sep 2010
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Top Station, Fotohalt.
Foto taken around Munnar, India.
Sep 2010