Gerade eben haben wir zehn Tage heftigen Regen hinter uns gelassen und das Flutgebiet im Norden Malaysias und Süden Thailands hinter uns gelassen. Als mir Jazz an einem Morgen mitteilte, dass sie nicht mehr mag, höre ich das, im Kopf bleibt die Info aber erst mal unsortiert liegen. „Nein, das kann es nicht gewesen sein, das darf es nicht gewesen sein!“, denke ich mir etliche Stunden später immer wieder. Ja, ich habe gespürt, dass Jazz im Moment und an diesem Ort nicht die Kraft und Freude hat, das Reisen zu geniessen. Einige Tage lang habe ich noch versucht dagegen anzukämpfen. Still, in kleinen Gesten. Aufmunterungen da und dort, kochen, einkaufen, ruhen lassen. Schon habe ich Hoffnung geschöpft, dass das Feuer nochmals entflammt. Bald erreichen wir Bangkok und da. Aber noch vor Bangkok wiederholt Jazz, geschüttelt von Tränen, dass ihre Gedanken sich nur noch darum drehen: „Wann kann ich nach Hause?“.
Jazz schafft nochmals einen Effort, der hoch einzustufen ist. Als Motorräder werden wir nicht auf die Autobahn in Bangkok zugelassen, also wühlen wir uns in zwei Stunden in der Mittagshitze 70 Kilometer durch die Innenstadt Bangkoks mit ihren 12 Millionen Einwohnern. Mit GPS aber ohne Anhaltspunkt. So kannten wir immerhin die Koordinaten und konnten auf den Meter genau sagen, dass wir keine Ahnung hatten, wo wir sind. Das war wie zwei Stunden Dünen fahren mitten in einer Smogglocke, danach bin ich stehend KO.
Mir ist es in der Mongolei so ergangen, ich kann diese tiefgreifende Erschöpfung mitfühlen. Wenn der Alltag, so wie er empfunden wird, einen überfordert. Es ist auch diese Erfahrung, dass ich weiss, dass es jetzt schnell gehen muss. Kein lamentieren, kein hinauszögern hilft, nur handeln, in eine einzige Richtung: Raus hier. Es war nicht gänzlich Zufall, dass wir uns auf die richtige Seite der Stadt gekämpft haben, es war aber ein riesen Glück, dass der KTM Händler dann doch nur 900 Meter vom Hotel entfernt lag. Es war auch kein reiner Zufall, aber wir sind glücklich, dass Zaugg, unser Spediteur in der Schweiz so schnell reagiert hat und der genannte Partner in Bangkok uns freundlich und kompetent unterstützt.
Es sind die beiden schwierigsten Entscheidungen einer Reise. Ohne die eine der anderen voranzustellen. Die eine ist, sich entscheiden zu gehen. Die andere, eine laufende Reise abzubrechen. Es ist die Entscheidung zu gehen, wegen derer ich sage, dies ist meine letzte Fernreise. Alles aufzugeben zu Hause; Job, Wohnung. Beziehungen und Kontakte werden auf das Spiel gesetzt. Für den der nicht auf der Flucht ist, ein hoher Einsatz, verbunden mit viel Risiko. Ist man erst einmal unterwegs, da läuft so vieles einfach ab. Man kann weniger selber beeinflussen, als man sich gemeinhin so einbildet. Zwar ist man meistens frei in der Entscheidung, Klima, Versorgungs-, Wetter- oder politische Lage bieten aber gar nicht so viele Optionen. „Kann ich im Notfall schlechtes Motoröl beimischen?“, ist eine doofe Frage per SMS an meinen Experten in der Schweiz. Die alternative ganz ohne Motoröl zu fahren ist keine. Irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem ich schlechtes Motoröl nachkippe und habe den Eindruck, ich hätte das nun entschieden. Aber eigentlich folgt man nur einem gegebenen Umstand, dass es kein besseres Öl zu kaufen gibt.
Die Entscheidung, eine Reise abzubrechen, ist eigentlich auch nicht viel anders, als die Motorölproblematik. Es ist die Einsicht, dass es die Umstände nicht anders zulassen, als auf den Körper zu achten und diesen Schritt zu gehen. Und trotzdem gehen tage- wenn nicht wochenlange innere Kämpfe dieser Nicht-Entscheidung voraus. Der Preis der Entscheidung aufzubrechen hält tonnenschwer die Waagschale auf der Seite „bleiben“. Und wer lässt sich in unserer Kultur, in welcher die grenzenlose Leistungsfähigkeit ohne Frage nach den Mitteln zelebriert wird, schon gerne vom Körper die Grenzen diktieren?
In wenigen Stunden geht das Flugzeug. Jazz ist immer noch meine Heldin, ich werde sie an den Flughafen begleiten. Morgen werde ich Bangkok verlassen, der Transport der anderen Maschine ist organisiert. Wenn ich mich an die Mongolei erinnere, verstehe ich Jazz nur zu gut. Wenn ich mich im Hotelzimmer umschaue, werde ich unendlich traurig, weil ich überall die Spuren sehe, die Zeugen sind einer langen Vorbereitung. All die von Hand genähten Innenbeutel. Das Cross-Shirt mit Seiten- und Rückentaschen. Jedes einzelne Stück, alles was wir dabei haben, ist sorgfältig ausgewählt. Hier ist nichts Zufall oder Glück. Darin liegt unsere jahrelange Reiseerfahrung. Dann tut es mir unendlich leid, dass Jazz dies heute nicht geniessen kann. Aber das ist dann schon wieder zu fest meine Perspektive. Deshalb bleibe ich noch. Wie lange, weiss ich nicht. Stay tuned.
---
Written on the 122nd day of trip IV - India/Asia/Australia
7'296 Km on the road