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Brief aus Phonsavan

Written in Laos
12/13/2010 by phil

Diese Wortlosigkeit ist fühlbar, so auch der Wunsch nach Nähe und Berührung, deinem Lachen, deinem Dasein, Deine Füsse irgendwo quer über meinen Füssen am Abend unter der Bettdecke. Heute habe ich die KTM gewaschen, nachdem ich von diesem Ausflug zu den Ebenen der Tonkrüge, den „Plain of Jars“ zurückgekehrt bin. Die ganze Gegend liegt auf einer Hochebene, die Tonkrüge selbst sind jeweils auf kleinen Hügeln angesiedelt. Jedenfalls, was davon übrig geblieben ist, was nicht von den Amerikanern weggebomt wurde. Es war wirklich verblüffend, diese aus Stein gehauenen riesigen Töpfe, von denen niemand genau weiss, weshalb sie hergestellt wurden und wozu. Die eine mögliche Erklärung, um darin Alkohol zu gären, glaube ich nicht. Wenn es um das Saufen geht, so war der Mensch interessanterweise schon immer sehr produktiv. Bis solche Krüge aus Stein gemeisselt sind ist man verdurstet, das kann nicht sein. Nachdenklich macht mich aber anderes. Dass ich die eine Fundstelle nicht auf Anhieb gefunden habe und mich schlussendlich ein Bauer mitten in einem Reisfeld aufgegriffen hat und mich zu der „Site 3“ führte, war ein lustiges Erlebnis. Aber eben nicht ganz ungefährlich. Denn Laos ist das proportional zur Fläche und zur Einwohnerzahl das am meisten bombardierte Land. Tausende nicht explodierte Bomben und Granaten liegen noch auf und in den Böden, sorgen noch heute für jährlich Dutzende Tote. Was mich am allermeisten nervt, was mich wirklich wütend macht ist, dass ich das nicht gewusst habe. Dreimal in meiner Schulkarriere begann ich in der Steinzeit. Unterstufe, Oberstufe, Gymnasium. Nicht ein einziges Mal schafften wir es bis über den zweiten Weltkrieg hinaus, sieht man vom einjährigen Intermezzo mit diesem Freikirchen-Freak ab, philosophische Betrachtungen des Sozialismus. Sonst maximal Weltkrieg. Selbst diesen nur so knapp, die Deutschen haben dann verloren und so. Doch da war dieser Krieg in Laos, von dem jahrelang niemand wissen durfte. Es wurden über 400 Tonnen Bomben abgeworfen im Schnitt, täglich, über – Achtung festhalten – NEUN JAHRE! Hunderte von Millionen Sprengkörper. Und dabei fehlen über 26 Monate die Aufzeichnungen teilweise (18) oder ganz (8). Und ich stehe an den Kraterrändern, mehr als 40 Jahre später immer noch von beeindruckender Grösse und habe keine Ahnung. Vietnamkrieg, das kennt man nur aus Hollywood Produktionen. Kambodscha, ja im Kindergarten war da mal eine Weile ein kambodschanischer Flüchtling mit fünf Schussnarben im Bauch. Sonst, keine Ahnung. Shame on me, shame on Bildungssystem Schweiz. Für Dinosaurier ist sieben bis acht Jahre ein tolles Alter, wer später Archäologe auf diesem Gebiet werden möchte, merkt es spätestens dann. Natürlich kommt mir auch die Abstimmung vor ein oder zwei Jahren in der Schweiz in den Sinn, bei welcher es abgelehnt wurde, Rüstungsexporte in Länder mit „weitgehend ähnlichen“ (Originaltext) Bestimmungen zwecks Arbeitsplatzerhaltung zu verbieten. Den Amerikanern gebe ich ganz bestimmt nicht die rote Laterne (rot hier nicht politisch verstanden…), sie haben stellvertretend für unser System, für unseren Glauben, wie eine Gesellschaft zu funktionieren hat, die Fahne hoch gehalten. Zu einer Zeit, in der Europa vermutlich noch mehr mit sich selbst zu tun hatte. Hätte ich die Wahl, zwischen den real existierenden Systemen zu wählen, so würde ich mich immer wieder für das unsrige entscheiden. Auch wenn das vielen Alternativen nicht passt, ohne diesen unsrigen Kapitalismus würde ich nicht so reisen können. Sicher nicht mit einem solch hoch entwickelten Motorrad auf so zahlreichen Strassen gesäumt mit wunderbaren Unterkünften und Restaurants und – wichtig – ohne ein korruptes Arschloch einer unterdrückenden Minderheit der Machthabenden zu sein. Es geht mir nicht um Schuld und Sühne. Vielleicht ist es auch ok, wenn wir weiterhin Waffen exportieren und zwar nur aus dem Grund, dass wir nach dem Dreck, und es kommt immer wieder zu Dreck, sagen können, wir hätten nichts mit der Sache zu tun. Und genau das finde ich das betrüblichste, dass 45 Jahre nach Kriegsende, 20 Jahre nach Zusammenbruch des Kommunismus ein Land immer noch so akut unter den Folgen leidet. Ach ich weiss nicht. Natürlich greift das Argument der Organisation, die nun dieses Erbe wegräumt, zu kurz, Laos sei nur deshalb unterentwickelt, weil eben diese Bomben überall. Die ach so gut für ihr Volk schauenden Kommunisten haben während Jahrzehnten überhaupt nichts gemacht für dieses Volk. Lamentieren hilft jedenfalls nicht weiter. Es gibt diese Organisation, unterstützt von zahlreichen Staaten, der EU, den UN und nun auch von mir: http://www.maginternational.org/LaoPDR

Ganz abgesehen davon, dass einem dieses Thema nahe gehen darf, bin ich alleine empfänglicher für solche Themen. Mag es sein, weil ich mich alleine schwächer fühle, mag es sein, dass ich nun, wo ich mich von Nicolas getrennt habe, einfach auch mehr Zeit habe, darüber nachzudenken. Kommt verstärkend hinzu, dass das Wetter auch entsprechend ist. Öfters den Regen im Nacken, auf den höchsten Wipfeln der gigantisch vielen Hügel Nebel. In den Nächten fallen die Temperaturen und die Feuchte treibt einem diese Kälte in die Knochen. Der Ort, in dem ich jetzt bin ist hässlich wie bis anhin kein anderer, zum ersten Mal in Laos begegnet mir Armut in Form von bettelnden und Müllsäcke durchwühlenden Kindern.

Sorry, eigentlich habe ich auch schreiben wollen von den schönen Seiten der Reise. Natürlich gibt es die! Aber ich lasse diesen Bericht lieber so stehen wie er ist und mische jetzt nicht noch weitere Erlebnisse hinzu, die neben dem oben genannten dann irgendwie doof dastehen. Aber wenn dieser Bericht schon das Negative beinhaltet, dann packe ich gleich alles hinein. Also die Menschen sind, besonders die älteren, wer will es ihnen verübeln, eher distanziert und wirken nicht gerade freundlich. Das mag auch an der Sprachdifferenz liegen, denn mit Englisch oder auch Französisch ist hier gar nix. So verkommt eine Kommunikation zu einem vorhersagbaren Ereignis und erinnert an das Pferd, das zählen kann. Gucke ich erwartungsfroh aus der immer staubigen Wäsche, so ist die Antwort in aller Regel „Ja“. Mache ich ein Saure-Gurken-Gesicht, so heisst es „Nein“. Bei neutralem Gesichtsausdruck pendelt sich die „Ja“-Häufigkeit bei 50% ein, ist also rein Zufällig. Wobei, eigentlich wäre es korrekter zu sagen, bei 45%. Denn in 10% bekommt man gar keine Antwort. Das berühmte „die Lachen immer“ kann ich ebenso wenig bei den Laoten bestätigen, wie auch nicht bei den Thais. Und wenn ich dabei bin, das mit der unfassbaren Freundlichkeit der Thais ist meiner Meinung nach eine gute Portion Vergangenheit, gleichsam Legende und des Weiteren einfach nur Reaktion auf das eigene Auftreten. Jeder geht mit der Erwartung nach Thailand, dass die Bevölkerung da bis zur Unterwürfigkeit freundlich und immer fröhlich ist. Zum einen begegnet man auf Reisen vielen, die im Tourismusbereich arbeiten und da ist man ausserhalb der Schweiz einfach nett zu den Gästen. Da steht ein Ölscheich vor dir, du weisst, der ist Milliardär. Er fragt nach einer Kleinigkeit. Was machst du? Da musst du schon russisches Blut in deinen Venen haben, um dem zu sagen „leck mich, ich schreib grad ne SMS“. Ja, ja, die alte Dame lässt grüssen. Jetzt stell dir vor, du gehst bei uns zu Hause am Morgen in die Bäckerei und strahlst über beide Ohren den Verkäufer an und sagst laut, mit voller Stimme von Innen, mit der ganzen Wärme, die eine wohl duftende Backstube hergibt: „Guten Morgen!“. Da darf man nicht erschrecken, wenn auch in unseren Längengraden der eine oder andere freundlich reagiert. Der repräsentativen und einstimmigen Meinung einer französischen Gruppe von Leuten, wonach die Thailänder aber grundsätzlich schon freundlicher sind als Pariser, will ich mich aber nicht entgegenstellen. Habe ich bereits erwähnt, dass das Essen in Laos nicht wirklich gut ist, wäre da nicht die Freude, dass es überhaupt etwas gibt? Habe ich schon gesagt? Ok, also es ist jedenfalls immer noch so.

Eine lustige Geschichte jetzt aber doch noch zum Schluss. In der Kultur der Menschen hier ist Auslachen offenbar nichts Beschämendes oder gar Verletzendes. Nick und ich sitzen vor dem Guest House in einer beinahe namenlosen Ortschaft irgendwo im Norden von Laos. Zum zweiten Mal sind wir hier, nachdem wir auf der Durchreise Richtung Norden schon einmal vor drei Tagen hier vorbei gekommen sind. Der Hausdrachen reagiert überhaupt nicht auf mein Erscheinen, die beiden Jungen begrüssen mich fröhlich, super, wiedererkannt. Ich schleppe mein Zeugs schon mal in den ersten Stock, die Tür ist aber verriegelt. Also runter zum Hausdrachen, dieser will aber immer noch nichts mit mir zu tun haben. Also setze ich mich erst mal gemütlich hin und warte, bis die beiden Jungen wieder auftauchen, die inzwischen mit dem Mofa weggefahren sind. Etwas später kommt Nick mit seinem Landcruiser angerollt. Auch er ist geschafft von den Anstrengungen der letzten Tage, parkiert seinen Wagen und mixt sich als erstes gleich einmal einen Longdrink und setzt sich erschöpft auf die Heckklappe. Ich weiss nicht wann genau später kamen die beiden Jungen zurück und ich glaube aber es war ein unbeteiligter Dritter, der Nachbar oder so, bei dem ich beim ersten Mal den Töff im Innenhof abstellen durfte, der uns sagte, es sei ausgebucht. Und weisst du, dieses Kaff. Das ist winzig klein, besteht mehrheitlich aus Strohhütten. Da fährt man eigentlich nur durch. Frag nicht wie Nick und ich das hing gekriegt haben, dass wir schon zum zweiten Mal hier übernachten. Irgendwie ging es immer so auf. Und dann: „ausgebucht“. Das gibt es eigentlich gar nicht. Nick und ich schauen jedenfalls ganz verdutzt in die Abendsonne. Da kommt einer aus dem kleinen Guest House angelatscht mit einem riesigen Strahlen im Gesicht, habe mir schon gedacht „oha, Thailänder“, stellte sich breitbeinig vor uns hin, zeigt mit dem Finger auf uns und lauthals „He, he, he, he,…“. Das fand ich so lustig, dass ich gar nicht wütend wurde. Da sitzt du da, vielleicht eine halbe Stunde oder so und jeder tut so, als sei alles in Ordnung. Denn ich habe natürlich schon gefragt ob was frei sei, so wie das halt eben möglich ist. Später kommt der Gast, der anstelle von dir das Zimmer besetzt und lacht dich laut aus. Die Situation ist dermassen absurd und dennoch real, das passiert einem nur auf Reisen, herrlich! Da wir es nicht eilig haben und wir wissen, dass es noch zwei andere Guest Houses haben sollte im Dorf, bleiben wir erst mal sitzen, Nicks Longdrink ist noch zur Hälfte voll. Jetzt wurde es dem Gast, der uns ausgelacht hat, ungemütlich, oder besser, er wirkte besorgt. Zwar hat er jedes Mal wieder gelacht, wenn er an uns vorbei schlich – und er schlich oft vorbei, gucken muss – aber ihm schienen Zweifel aufgekommen zu sein, ob wir begriffen hatten, dass wir hier nicht bleiben können. Mit Händen und Füssen hat er uns den Weg zu den anderen Unterkünften gewiesen. Einmal kam auch noch der Nachbar mit dem Innenhof, der uns andeutete, falls alle Stricke reissen, wir zurück zu ihm kommen könnten. Später dann, die dritte Unterkunft, ein Hotel, hatte dann auch noch Platz für uns und kochte uns sogar zwei grosse Kannen Wasser auf, damit wir uns warm duschen konnten – einfach schön!

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Written on the 147th day of trip IV - India/Asia/Australia
11'707 Km on the road


Route in Laos


 
 
 
 
 

Fotos around that time

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My state of the art road book, Laos
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Signs of poverty in Phonsavan, Laos
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Follow the beautiful tracks just somewhere in Laos
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My personal guide to the jars, a rice farmer, Laos
Foto taken around Phonsavan, Laos.
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