HOME ROUTE DIARY FOTOS
 
 
 
 
 
ROUTE DIARY FOTOS MOTORCYCLES EQUIPMENT ABOUT US
 
 
 
 
 

Heimat auf Reisen

Written in Nicaragua
06/27/2003 by phil

Respektvoll und mit einem bewundernden O-Ton wird von Zeit zu Zeit von Schriftstellern berichtet, fuer die das Schreiben nicht Spass, sondern harte Arbeit bedeute. Ein harter Kampf die Woerter und Saetze so zu ordnen, bis sie exakt die Gedanken und Gefuehle des Autors wiedergeben. Ein Leidensweg. Und trotzdem tun sie es immer wieder. Ich bezweifle diese Aussage nicht im Geringsten und bin sogar dankbar, dass die Betroffenen zu der Kategorie der Wiederholungstaeter gehoeren. Es gibt kaum etwas besseres, als ein gutes Buch. Gut, es gibt auch solche Schriftsteller, meistens die, welche ihre tragische Kindheit oder ihr verpfuschtes Leben dokumentieren, sicher beeindruckend, beruehrend und therapeutisch fuer den Schreiber und eine gewisse Leserklientel, die hoeren nach dem Erstlingswerk leider auch nicht auf.
Nun moechte ich mich eigentlich nicht ueber die Schreiberlinge aeussern, sondern vom Reisen, meinem Reisen, berichten. Die oben beschriebene Eigenart einiger Schriftsteller kam mir unterwegs in den Sinn. Dies zu einem Zeitpunkt, in dem ich mit dem Weiter-Fahren kaempfte. Immer wieder stecke ich in der Situation, in der ich bemerke, wie gut das Leben in der Schweiz ist (nicht zwingend weil die Schweiz die Schweiz ist, sondern weil die Schweiz fuer mich das Gewohnte ist) und ich mich frage, weshalb mache ich das, vor allem schon wieder? Komme nach Hause, uebergluecklich alles ueberstanden zu haben. Und nun schon wieder alles von vorne: keine Wohnung, keinen Job, doch schon nach ein paar psychologisch begleiteten Jahren zieht es mich wieder unaufhaltbar in die Ferne, als haette es nie Zweifel gegeben.


Nun habe ich mich entschlossen, nicht einfach zu leiden. Schliesslich kommt kein Buch dabei heraus, mit dessen Erloes ich die woechentlichen Gespraechsstunden bezahlen koennte, sondern lediglich ein paar Gratisseiten im Internet. Dieses mal uebernehme ich einige Ablaeufe dieser fremden Laender in unsere Automatismen in der Hoffnung, das Fernweh bleibe dann fuer immer weg. Das bedingt, dass ich mein Verhalten in einigen Punkten anpasse. Zum Beispiel den Umgang mit Touristen. So stelle ich mir eine Konversation folgendermassen vor, wenn mich einmal ein Gringo am Loewenplatz, vorausgesetzt ich wohne nach der Rueckkehr wieder in Zuerich, nach Hilfe ersuchen sollte:
Touri: "Entschuldigen sie, ich suche ein Filmgeschaeft"
Ich: "Fuer was?"
Touri: "Filme entwickeln"
Ich: "Also wenn sie einen Film kaufen moechten, dann koennen sie das gleich um die Ecke tun"
Touri: "Ich moechte Filme entwickeln"
Ich: "Was fuer Filme"
Touri: ? (stellen sie sich ein verbluefftes Gesicht vor)
Ich: ?? (stellen sie sich mein verbluefftes Gesicht vor)
Touri: "Normale Foto Filme"
Ich: "Ja, also - Filme?" Pause "Normale Filme"
Touri: "Drei 36er Filme, Farbe, 400er, Kodak"
Ich: "Hier in der Naehe?"
Touri: "Ja, genau. Filme, entwickeln, hier!"
Und nun halte ich mir Varianten bereit, schliesslich braucht das Leben Abwechslung. Entweder kommt dann ein ehrliches "hat es hier nicht" oder ganz nach Windstaerke und Luftfeuchte den Fingerzeig in eine Himmelsrichtung und die Distanzangabe "anderthalb Querstrassen".
Ich habe mir auch schon ueberlegt, ueberhaupt keine Auskunft mehr zu geben, jedenfalls nicht gratis. Wer Geld hat in die Schweiz zu reisen, der kann auch locker mir noch ein wenig davon abgeben. Ist der Touri nicht gewillt dazu, spucke ich auf den Boden um saemtliche sprachlichen Missverstaendnisse zu umgehen.


Nebst diesen immer wieder komisch- lustigen Konversationen, ueber die Jasmin und ich kurze Momente spaeter lachen koennen, vorausgesetzt wir finden irgendwann eine Baeckerei oder eine Waescherei, gibt es eine Palette an Geschehnissen, die entweder nur im ersten Moment oder ueberhaupt nicht zum lachen sind. Dabei wird mir immer wieder bewusst, wie viel Alltaegliches einfach als selbstverstaendlich erwartet und gar nicht (mehr) als gesellschaftliche oder technische Errungenschaft wahrgenommen wird.
Die ganze Korruption der Behoerden, ueberhaupt der ganze wahnwitzige Papierkrieg. Ich bin ueberzeugt, all die Vierfachdurchschlaege von Quittungen und Formularen, Kopien von Formularen, dann abstempeln der Kopien und nochmals Kopien von kopierten Formularen mit Stempeln; das wird alles nur gemacht, dass sie das Zeugs in die laengst erloschenen Vulkane schmeissen koennen, damit wir das Gefuehl haben, die tun noch.
Stellen sie sich vor, ein Oesterreicher faehrt mit seinem Alfa Romeo ueber die Grenze nach Bayern. Es ist etwa zwoelf Uhr Mittags, denn um acht Uhr Morgens war er der erste am Zoll. Nach vierhundert Metern wird er von einem Uniformierten angehalten und zur Seite geleitet, da die Automarke offensichtlich nicht zum Bundesland passt. Der Mann in Amtskleidern fordert den Oesterreicher auf, nachdem er Pass und Fuehrerausweis, sowie die Kopie einer Bewilligung mit Stempel zum fahren in Deutschland studiert hat, der Verkehrsminister von Bayern wolle mit ihm sprechen, er soll sich dazu ueber die Strasse in ein Haeuschen begeben. Im Haeuschen, Stil Plumpsklo, wird er warmherzig empfangen. Der Verkehrsminister, an einem kleinen Holztischchen sitzend, gibt dem Oesterreicher sogar die Hand und moechte erst einmal den Pass und den Fuehrerausweis, sowie die Kopie einer Bewilligung mit Stempel zum fahren in Deutschland sehen. Die Sachlage ist eindeutig. Die Quittung und der amtliche Stempel darauf ist Begruendung genug, dass der Oesterreicher einen Euro, oder vergleichen wir das durchschnittliche Jahreseinkommen von Zentralamerika und Deutschland, also fuenf Euro bezahlen muss. (Ist uns so geschehen, bei der Einreise in Honduras)


Manchmal kommt es dick und ich habe das Gefuehl, die ganze Zeit nur noch betrogen zu werden. Meistens sind es die Tage mit einem Grenzuebertritt. Dann braucht es frische Luft, in El Salvador also ein Ding der Unmoeglichkeit, was nicht so schlimm ist, da dieses Zollverfahren zwar unheimlich zum rauchen der Vulkane beitraegt, ansonsten jedoch sehr geordnet und fair abgewickelt wird, frische Luft also um ein wenig Abstand zu gewinnen und radikale Gedanken wieder zu relativieren.


Diese Vergleiche zwischen Aufenthaltsort und Heimat zeigen mir, wie sehr es sich lohnt, sich fuer unser Wertsystem einzusetzen. Die ewigen Noergeler, die der politischen rechten sowie der linken Fraktion, koennen mir allseits gestohlen bleiben. Wir leben mit vielen Vorteilen, was nicht heisst, sich auf diesen auszuruhen. Als die wertvollsten Errungenschaften scheinen mir die gleichmaessigere Vermoegensverteilung und die Sozialsysteme. Zentralamerika ist nicht einfach nur arm und bemitleidenswert. In diesen Laendern lebt eine kleine Oberschicht in einem Reichtum, den wir fast nicht kennen und so mancher am rechten Zuerichseeufer neidisch werden laesst. Eingemauert und mit Waffen bewacht gibt es Einkaufszentren, in denen es alles, wirklich alles zu kaufen gibt. Die Villenviertel sind prunkvoller und grosszuegiger, als man in der Schweiz ueberhaupt Platz dafuer haette. Anderseits gibt es keine 10 Kilometer weiter Menschen, die in Holzhuetten leben, mit Lumpen bekleidet, die nicht wissen, was Europa ueberhaupt ist.
In der Ferne lerne ich immer wieder den Wert der Heimat von neuem kennen. Keiner soll mir jemals mehr erzaehlen, in der Schweiz seien die Leute unfreundlich oder gar gehaessig oder ablehnend. Hier erlebe ich fast taeglich, wie man mit Auslaendern auch noch umgehen koennte. Anderseits empfinde ich auch ein komplettes Unverstaendnis, den Leuten, die zum Wohlstand des Staates und der Gesellschaft beitragen, die Stimme zu verweigern. Dabei denke ich an die "Auslaender" in der Schweiz, teilweise schon in zweiter oder dritter Generation, die Steuern bezahlen, nicht aber an Abstimmungen teilnehmen duerfen. Einkaufen muessen sie sich, um die Staatsbuergerschaft zu erhalten. Dabei sollten wir gluecklich sein, dass sie das Negativwachstum der Schweizer Bevoelkerung ausgleichen, und vieles mehr. Werte soll man wahren, sich aber nicht gegen neues verschliessen!


---
Written on the 74th day of trip I - America/Africa
18'863 Km on the road


Route in Nicaragua


 
 
 
 
 

Fotos around that time

Avatar
Playa Grande (CR)
Foto taken around Granada, Nicaragua.
Jun 2003
Avatar
Phil unter dem Messer
Foto taken between Choluteca and Leon, Nicaragua.
Jun 2003
Avatar
Strassenbild in Nicaragua
Foto taken between San Miguel and Choluteca, Honduras.
Jun 2003
Avatar
am Busbahnhof in Santa Ana (El Salv)
Foto taken between La Libertad and Santa Ana, El Salvador.
Jun 2003